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Altes Eisen hinter Gittern Ü60 im Knast: Strafvollzug und Straftaten von Senioren

Einige sind über 100 Jahre alt, einige um die 80, die meisten um die 30 – die Linden und Ulmen vor der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel. Draußen wie drinnen von „Santa Fu“ sind die Jüngeren in der Mehrheit. Dabei nimmt die Zahl der Älteren im Knast und kriminelles Leben bundesweit zu.

Alte Eisen 3Senioren von heute sind im Allgemeinen mobiler und aktiver als früher und das trifft im Besonderen auch auf die zu, die mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Doch so wie sich in den 50er und 60er Jahren keiner um neue Bäume vor Santa Fu kümmerte, so dachte bis vor kurzem kaum jemand an Senioren im Strafvollzug. Aber: Auf der einen Seite werden Häftlinge mit langen Strafen im Gefängnis alt, auf der anderen Seite werden manche erst im Alter straffällig, meist wegen Wirtschaftsdelikten. Hinter dem abstrakten Begriff verstecken sich oft ganz konkret: Ladendiebstahl und Altersarmut.

Heute ist das Gefängnis Santa Fu, das nicht wegen der Western-Stadt Santa Fe so heißt, sondern weil die Behörden die Strafanstalt Fuhlsbüttel „St. Fu“ abkürzten, nur eine der Justizvollzugsanstalten der Hansestadt. Auch auf der Elbinsel Hahnöfersand, im Norderstedter Stadtteil Glashütte (JVA Glasmoor) und in Billwerder gibt es Zellen. Während diese jedoch früher recht voll belegt waren, sinkt heue die Zahl der Hamburger Häftlinge: Ende März 2015 waren 1.151 Strafgefangene und Sicherungsverwahrte inhaftiert. Bundesweit sind es derzeit fast 64.000 Menschen. In Hamburg sind zehn Prozent weniger im Gefängnis als im Vorjahr und sogar 19 Prozent weniger als 2010. 1909, als eine der ältesten Linden im Norden von Santa Fu, an der Straße am Hasenberge gepflanzt wurde, waren noch 3.000 Menschen in Hamburg hinter schwedischen Gardinen.

Ladendiebstahl
Von diesen Hamburger Häftlingen gehören allerdings nur 75 zum „alten Eisen“. Dabei zeigt ein Blick in die Polizeiliche Kriminalstatistik, in welcher Altersgruppe die schweren Jungs – und Mädchen – zu finden sind. Die Statistik verzeichnet auf 25 Seiten eine Vielzahl von Straftaten, von Mord bis Ladendiebstahl, von Überfall über Fahrraddiebstahl bis „Einmietbetrug“ alles, wofür kein Richter Verständnis hat. Auffällig dabei: Während in den jüngeren Gruppen der tatverdächtigen Frauen der Anteil etwa um die 20 bis 22 Prozent liegt, erreicht er bei den älteren Täterinnen (bzw. polizeilich korrekt: Den Verdächtigen) mit 29 Prozent den höchsten Wert im Erwachsenen-Bereich. Bei den Älteren in Haft ist jede vierte eine Frau, bei den Jüngeren etwa jede fünfte. Dazu lässt eine andere Zahl aufmerken:
„Im Jahr 2016 gab es 4.100 Straftaten mit Tätern bzw. Täterinnen die Ü 60 waren. Am häufigsten sind Straftaten wie Ladendiebstahl und Beleidigung zu verzeichnen. Ladendiebstahl ist ein häufiges Delikt bei Älteren“, sagt Rene Schönhardt, Sprecher der Hamburger Polizei. Von den etwa 10.400 Ladendiebstählen (und etwa gleich vielen Diebstählen aus Warenhäusern) entfielen je neun Prozent auf die nach Kopf-Zahl weit kleinere Gruppe Ü60. Statistiken liefern nur nüchterne Daten, polizeilich lässt sich keine Erklärung ablesen. Doch es liegt nahe, einen Zusammenhang zu erstellen: Altersarmut in Hamburg steigt, ein Motiv für Ladendiebstahl? Altersarmut betrifft meist Frauen. Das könnte die vergleichsweise hohe Zahl von Ladendiebinnen erklären.

Kriminalität von Senioren
Insgesamt jedoch verhält sich die ältere Generation in Zahlen weitgehend straf-unauffällig. So ist zwar jeder dritte in Hamburg über 60, aber nur der eine oder andere gerät auf die schiefe Bahn. Allerdings könnte die Zahl der Älteren unter den Ersttätern in den kommenden Jahren steigen. Während betagtere Täter kaum Taten mit hoher Bewegungsdynamik begehen, weil jeder Wachtmeister sie nach einem entdeckten Taschendiebstahl läuferisch spielend einholen könnte, liegen andere Taten näher. Ersttäter haben meist schon viel Lebenszeit hinter sich, viel erlebt. Dazu gehören auch Konflikte. Manche Senioren geraten dann erst im hohen Lebensalter in eine besondere Lebenssituation, in der sie nicht mehr weiterwissen. Sie greifen dann zu illegalen Mitteln.

Die Statistik notiert für Hamburg 2016 74.888 Tatverdächtige. Das Gros davon ist zwischen 25 und 50 Jahre alt. Auf sie entfallen 38.800 „Fälle“. Die Tatverdächtigen in der Altersgruppe „60 und älter“ zählt 4.100 Köpfe. Damit sind 5,5 Prozent tatverdächtig. Das ist im Vergleich zur großen Zahl der bösen Buben und Mädels eher wenig. Doch Hamburg schaut über die Harburger Berge hinaus in das Bundesgebiet. Immer mehr Rentner sind in Haft. Der demografische Wandel bringt mit sich, dass die Zahl der Älteren wächst und damit auch die Zahl derer, die Straftaten begehen können. Ältere werde nicht unbedingt kriminell, weil sie älter werden. Sie werden mehr an Zahl. 2015 waren nach Angaben des Statistischen Bundesamts 2.049 über 60-Jährige inhaftiert, 16 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Die Gewerkschaft der Polizei fürchtet, dass 2030 die Zahl der Täter über 60 erstmals die der straffällig gewordenen Heranwachsenden übertreffen kann. Denn Alter schützt vor Torheit nicht – und nicht vor Strafverfolgung durch die Staatsanwaltschaft. Die sieht sich angesichts älterer Täter durchaus in einer anderen Rolle der Rücksichtnahme. „Bei älteren Beschuldigten stellen sich Fragen der Verhandlungs- und Haftfähigkeit regelhaft“, sagt Nana Frombach, Oberstaatsanwältin, Generalstaatsanwaltschaft Hamburg, Pressesprecherin der Staatsanwaltschaften. Das kann bedeuten, die tägliche Zeit der Verhöre und Anhörungen vor dem Kadi zu begrenzen oder Ärzte für den Notfall im Sitzungssaal zu haben. Bundesweit diskutiert, aber dann verworfen wurde eine besondere Behandlung. So wie Jugendliche unter ein besonderes Jugendstrafrecht und eine Altersgrenze fallen, könnten ja auch Ältere ein spezielles Alten-Strafrecht genießen. Doch diese Idee fand bisher weder Eingang in die Strafprozessordnung noch in das Strafgesetzbuch. Verteidiger verlegen sich zwar zuweilen darauf, dass ihre Mandanten wegen des Alters nicht mehr zurechnungsfähig waren oder gar dement. Doch Kritiker weisen das zurück. Demente Menschen sind meist ängstlich. Sie neigen weniger als andere zu kriminellen Handlungen.

Alte Eisen 4Spezielle Haft für Ältere
Im Strafvollzug jedoch macht sich Justitia offenbar schon neue Gedanken, um den Betagten im Gefängnis „gerecht“ zu werden. Das reicht von Kleinigkeiten im alltäglichen Vollzug, etwa der rutschfesten Matten in der Dusche und dem Notruf-Knopf am Bett. Es kann aber weitergehen bis zu einem besonderen Senioren-Vollzug wie in Singen bei Konstanz, wo nur Männer einsitzen. Der jüngste ist 62, der älteste 85. Während der durchschnittliche deutsche Häftling zwischen 25 und 40 Jahre alt ist, liegt er in Singen bei Mitte 70. Das durchschnittliche Strafmaß in Deutschlands einzigem „Rentnerknast“ liegt bei fünf Jahren, zwei Drittel sind Ersttäter.
Auch woanders hat sich Vater Rechtsstaat ausgewählte Haftbedingungen für Senioren überlegt. So gibt es in Nordrhein-Westfalens Gefängnis Rheinbach oder der JVA in Detmold eine spezielle Abteilung für „lebensältere Gefangene“, ebenso im sächsischen Waldheim. Eine JVA in Paderborn kümmert sich um pflegebedürftige und demente Häftlinge. Und in Hamburg?
Marion Klabunde, Sprecherin der Justizbehörde, erläutert die Haftbedingungen für ältere Herrschaften in Haft: „Im Hamburger Justizvollzug erhalten ältere Straftäter – soweit dies erforderlich ist – eine umfassende medizinische Behandlung und Betreuung. Da wir auf jeden Inhaftierten hinsichtlich seiner Krankheitsbilder und möglichen Eingeschränktheiten individuell eingehen und ihm passende Angebote machen, stellen uns Gefangene im Seniorenalter (noch) vor keine besonderen Herausforderungen.“ Für die Versorgung stehen in den fünf geschlossenen Vollzugsanstalten und dem Zentralkrankenhaus des Hamburger Justizvollzugs insgesamt 11 Arztstellen zur Verfügung, die in ihrer Arbeit als Anstalts- und Krankenhausärzte in allen Anstalten von medizinisch ausgebildeten Pflegekräften unterstützt werden. Darüber hinaus sind in den Anstalten vier Fachärzte für Psychiatrie tätig.

Die Stadt Hamburg nimmt Rücksicht auf die gesundheitlichen Besonderheiten ihrer Häftlinge. Doch es gibt keine Extrawürste, nur weil sie alt sind. Klabunde: „Die verschiedenen Arten von Vollzugslockerungen – Ausführungen, Begleitausgang, Ausgang, Langzeitausgang, Außenbeschäftigung und Freigang – sind in den Hamburger Vollzugsgesetzen aufgeführt, sie gelten erst einmal für alle Gefangenen unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft und Religion.

Die Art der gewährten Vollzugslockerung ist abhängig vom Einzelfall und wird nach diesem angeordnet.“ Aber auch auf ältere Gefangene, die eine lange Haftstrafe verbüßen, seien die JVAs eingerichtet, so die Sprecherin der Hamburger Justiz: „Die Anstalten verfügen über behindertengerechte Hafträume. Besonders pflegebedürftige ältere Gefangene können mit einer entsprechenden medizinischen Indikation in das Zentralkrankenhaus des Hamburger Justizvollzuges verlegt werden. Bei Pflegeleistungen, die in der Stammanstalt des oder der Gefangenen nicht erbracht werden können und wenn die vorhandenen medizinischen Angebote nicht ausreichend sind, wird auf pflegerische Angebote des ambulanten Bereichs zurückgegriffen.“

Resozialisierung
Ältere im Knast sind anders. Sie trifft zwar die gleiche Härte des Gesetzes wie Jüngere, doch manche Rechtsgrundsätze sind für sie schlicht nicht mehr zeitgemäß. So spielt der Gedanke, Straftäter zu resozialisieren und zurück in die Gesellschaft einzugliedern, bei Ü-60-Häftlingen oft eine geringe Rolle. Klabunde: „Der spezielle Hilfebedarf bei der Wiedereingliederung älterer Gefangener wird im Einzelfall bei der Vollzugsplanung beziehungsweise dem Eingliederungsplan und – übergeordnet – bei der Erarbeitung eines Hamburger Landesresozialisierungs- und Opferschutzgesetzes berücksichtigt.“ Doch eine Resozialisierung ist schwierig. Viele ziehen die „sichere“ Wohn- und Lebenslage im Knast der unsicheren im möglichen freien Leben draußen sogar vor. Bei Jugendlichen sehen die Gerichte zuweilen erzieherische Maßnahmen als Alternative zum Knast vor. Das zieht bei Älteren nicht. Jüngere haben eine Perspektive – Ältere meist nicht, wenn der Arbeitsplatz sich modernisiert oder Freunde gar verstorben sind.

Alte Eisen 5Haftzeit – Lebenszeit
Dennoch: Für viele ist es die Zeit, die zählt. Angesichts der geringeren Lebenszeit hat die Haft eine für manchen besonders beengende, zeitliche Dimension. Hier setzt zum Beispiel ein Pilotprojekt in Lübeck an. Im Lübecker Gefängnis sind 28 der 400 Männer über 60 Jahre. Einige von ihnen setzen sich jeden Donnerstag mit dem ehemaligen Diakon in der JVA zusammen. Man spricht. Finanziert wird das Projekt vom Land Schleswig-Holstein, in den offiziellen Informationen der JVA ist nichts darüber zu lesen, Träger ist der Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg.

„An der Elbe gibt es keine Beratungs- und externen Hilfsmaßnahmen speziell für ältere Straffällige“, sagt Andreas Mengler, Vereins- und GmbH-Geschäftsführer des Hamburger Fürsorgevereins von 1948 e.V. Der Verein unterstützt seit über 60 Jahren straffällig gewordene Menschen und deren Angehörige. Aus den Anfängen kirchlich orientierter Fürsorgearbeit heraus hat sich der Verein zu einer nicht konfessionell und nicht politisch gebundenen Organisation der freien Straffälligenhilfe entwickelt. Die Arbeit machen weitgehend ehrenamtliche Bürger. Sie erfahren Unterstützung und (finanzielle) Förderung durch Spender. Die Liste ist lang: Justizbehörde, Bußgeldsammelfonds, Hamburger Spendenparlament, HASPA, Hildegard und Horst Röder-Stiftung.

Wiedereinstieg für Ältere
Der Verein hat ein Ziel: Die „gesellschaftliche (Re-) Integration, die zu einer Senkung der Kriminalitätsbelastung in Hamburg führt.“ Dazu hilft der Verein Häftlingen bei der Suche nach einer neuen Wohnung „draußen“. Oder er unterstützt sie mit Anti-Gewalt- und Kompetenztrainings, um im freien Leben wieder anzukommen und zu bestehen. Das gilt auch für ältere Häftlinge: „Die Resozialisierungsaufgabe im Sinne einer Wiedereingliederung ins gesellschaftliche Leben stellt sich bei älteren haftentlassenen Menschen natürlich auch. Pädagogische Angebote oder therapeutische Maßnahmen sind hier aber meist nicht mehr sinnvoll. Zur Rückfallverhütung sollte nach der Haft gesicherter Wohnraum zur Verfügung stehen, bestenfalls in Verbindung mit einer sozialen Anbindung, etwa in der Hausgemeinschaft, durch eine begrenzte Teilzeitbeschäftigung oder auch durch professionelle oder ehrenamtliche Bezugspersonen. Durch seine Hilfsangebote während und nach der Haft kann der Hamburger Fürsorgeverein gerade ältere Personen sehr wirksam beim Wiedereinstieg in die Gesellschaft unterstützen.“

Und was ist, wenn ein alter Mensch in Haft dem Tode näher kommt? Die Justizsprecherin sagt: „Kranke Gefangene, bei denen auf Grund ihrer Krankheit in Kürze mit dem Tod gerechnet werden muss, können bis zur Entscheidung des Gerichts bzw. der Staatsanwaltschaft über einen Strafausstand von der Haft freigestellt werden, wenn nicht zu befürchten ist, dass sie die Freistellung von der Haft zu Straftaten von erheblicher Bedeutung missbrauchen werden.“ So sieht es § 13 Abs. 3 HmbStVollzG vor. Das heißt: Wer keine Gefahr mehr ist für andere, wird meist begnadigt und entlassen. Er darf zu Hause sterben. Hans Albers sagte: „Heimat ist da, wo einer stirbt, nicht da, wo einer lebt. Und wenn die Reihe mal an mir ist, dann soll es in Hamburg sein.“ Dr. H. Riedel © SeMa

 

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