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1. Juli 2015

Anzeigenschluss 19. Juni 2015

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Omas Disko war die Milchbar

Hoch die Hände – Wochenende. Diese gesellschaftliche Weisheit gilt für Generationen junger Menschen und der arbeitenden Bevölkerung gleichzeitig. Sonnabend und Sonntag sind seit jeher die Tage der Freizeit, des Feierns und des gemeinsamen Spaßes. Aber halt. Wie war das denn nach dem Krieg, als noch niemand die Begriffe Dancefloor, Discothek oder Flatrate-Trinken kannte?

Wie lernten sich junge Menschen ohne Internet, Foren oder Chatrooms kennen? Das SeMa wollte einmal wissen, wo Oma und Opa aufeinander zugingen, wo sie das Flirten anfingen und wo man sich dann näher kam. Einfach war das nicht, aber es ging. Was heute eine heiße Disko ist, war damals eine coole Milchbar, statt einen „Sex on the Beach“ musste Buttermilch-Cocktail reichen. Die ältere Generation gab dem SeMa Auskunft, was damals so lief.

An die große Liebe dachte kaum jemand, es langten schon ein paar gut gelaunte Menschen zum Glück. Nach den Entbehrungen der frühen und auch späteren Nachkriegszeit gab es immer wieder einen Anlass zum Feiern. Für viele Hausfrauen war es ein anstrengender Job, wenn sich die Familie zu Geburtstagen, zu Ostern und Weihnachten, zur Taufe, Kommunion oder Konfirmation traf – ein Restaurant war zu teuer. Aber was war mit den jungen Menschen, wo durften die Schmetterlinge im Bauch ausgeführt werden?

Diskotheken gab es noch nicht, Tanzveranstaltungen steckten noch in den Kinderschuhen. In den späten 50er Jahren verbreitete sich dann eine Einrichtung, die zum Treffpunkt für viele Jugendliche wurde, es war die „Milchbar“, wo es oft nach der Tanzstunde hinging. Der Begriff erinnerte wenigstens ein bisschen an so etwas wie Cocktailbar, die die Jugendlichen freilich noch gar nicht besuchen durften – das Ausschenken von Alkohol war damals erst an Erwachsene ab 21 Jahren erlaubt. So wurde notgedrungen die „Milchbar“ eingeführt, eben auch eine Bar, in der schon einmal von der großen weiten Welt geträumt werden durfte. Und hier gab es nicht nur leckere Milch in allen möglichen Varianten zu trinken, auch die Musikbox, in der Elvis und seine Kameraden warteten, hatte ihre Geburtsstunde. „Es ging dort um das Sehen und Gesehen werden“, weiß Cornelia Cagliari (67) aus Elmshorn, die freilich auch noch von der frühen Diskozeit profitieren durfte. „Da sah man dann schon einmal schicke Jungs mit Elvis-Tolle oder auch ab und zu einen James-Dean-Verschnitt“, schildert eine hanseatische Seniorin (74), die aufgrund ihrer Jugendsünden lieber anonym bleiben will. Je oller, desto doller, auch im Disko-Vorgänger ging es scheinbar schon ab.

 

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In den 50er und 60er Jahren wurde auch wieder auf privaten Festen getanzt.

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Nachholbedarf oder einfach pure Lust? Die Generation 65plus holt auch unter sich das Tanzen nach – hier auf einer Grillparty für Senioren.

 

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In Milchbars gibt es heute meist nur noch leckere Shakes und Eis. Musik läuft dort nicht mehr.

Aber nicht jeder ging gleich mutig rein in das coole Paradies. „Ja, im Hamburger Stadtpark gab es eine Milchbar, ich bin aber immer nur vorbeigeschlichen“, schildert die Barmbekerin Brigitte Rupp (76) ihre ersten Schritte auf gesellschaftlichem Parkett. „Es war damals in der Tat eine Art Ersatzdisko, wo sollte man sonst hin?“ Aber es ging schnell vorwärts. „Wir haben dann in der Marina Bar an der Hoheluft getanzt, das war eine Mischung aus Disko und Kneipe mit Musikbox“, schildert der Niendorfer Georg Morinez (72). So weit war Liesa Droste (77) freilich noch nicht. Die streng erzogene Seniorin aus Altona hatte sich in den 60er Jahren zumindest ab und zu einen alkoholfreien „Lufthansa-Cocktail“ im Kaisersaal auf der Großen Freiheit gegönnt. „Jungs hatten wesentlich mehr Freiraum als Mädchen“, weiß sie zu berichten. Aber trotzdem: Zu der Musik von Elvis Presley, Bill Haley oder Petula Clark wackelten jetzt schon immer mehr Beine, Arme und Köpfe. Da wurden dann auch die Schmetterlinge im Bauch gut durchgeschüttelt.

In der Tat schienen die jungen Männer schon einen Schritt weiter zu gehen. Heino Lobsien (heute 74, Hamburg-Niendorf) traute sich im Alter von 17 Jahren mit einem Freund schon in Arnos Ballhaus am Schulterblatt, einem Vorgänger des legendären Café Keese. „Und dort klingelte dann sofort mein Tisch-Telefon und ich lernte meine erste Freundin kennen“, schildert der flotte Senior den damals nicht ganz normalen Gang der Dinge. In der Hansestadt prägten dann in der Folgezeit schon die Begriffe Top Ten, Star Club und Grünspan die Diskussionen der Party-Spezialisten von der Waterkant – und in den vielen Dorfdiskos gab es ohnehin kein Halten mehr.

Alle Befragten sind sich einig, sie wollen diese (schwierigen) Zeiten nicht missen. Kein Online-Chat, kein Dating-Portal und keine Partner-Vermittlung sei so spannend gewesen wie die Erfahrungen mit Milchshakes, Tischtelefonen und den ersten Elvis-Tollen. Und die große Liebe, die gab es in den meisten Fällen dann ja auch noch.

Wo Senioren ausgelassen tanzen können
Wer aus der Generation 60plus in Sachen Flirten und Tanzen Nachholbedarf hat, sollte mal in die Hamburger „Faltenrock“-60plus-Tanzabende reinschauen. Ob Boogie, Twist oder Rock ’n‘ Roll, ob Senior oder Seniorin, ob Könner oder Anfänger: Jeden ersten Sonntag im Monat geht es ab 18 Uhr im Nochtspeicher auf St. Pauli zur Sache, dieselbe Mischung gibt es jeweils am letzten Sonntag des Monats im Gängeviertel (Valentinskamp, Speckstraße, Caffamacherreihe) Infos vom Veranstalter unter Mail faltenrock-tanzabend@web.de
K. Karkmann © SeMa

 

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