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1. Juli 2015

Anzeigenschluss 19. Juni 2015

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Wenn der Wirbelsäulenkanal zu eng wird

Eine Wirbelkanalverengung zählt zu den häufigsten Erkrankungen der Wirbelsäule im Alter. Sie tritt besonders an der Lendenwirbelsäule auf. Patienten leiden unter Rückenschmerzen und ausstrahlenden Schmerzen in den Beinen.

WKV_A_200x300Spaziergang? Lieber nicht. Für Sigrid Beier (77) war schon ein kurzer Weg mit starken Schmerzen verbunden. Keine 100 Meter konnte die Hamburgerin zu Fuß bewältigen. Quälende Schmerzen in den Beinen zwangen sie zum ständigen Stehenbleiben. Was im Volksmund „Schaufensterkrankheit“ heißt, hat als eine mögliche Ursache eine sogenannte Spinalkanalstenose – eine Verengung des Spinalkanals im Bereich der Lendenwirbelsäule.
„Das Bild der Spinalkanalstenose ist durch die demografische Entwicklung der Bevölkerung zur Volkskrankheit geworden“, erklärt Dr. Alexander Richter, Orthopädischer Wirbelsäulenchirurg und Leiter der Abteilung für Wirbelsäulenchirurgie und Neurochirurgie an der Helios ENDO-Klinik Hamburg. „Ursache sind meist altersbedingte Bandscheiben- und Gelenkveränderungen der Wirbelsäule.“

Gemeinsam mit seinem Kollegen Privat-Dozent Dr. Ralf Hempelmann, Leitender Arzt und Neurochirurg der Abteilung, führt Dr. Richter jährlich rund 500 operative Eingriffe und etwa 2.500 ambulante Untersuchungen bei Wirbelsäulenpatienten durch. Das interdisziplinäre Ärzteteam behandelt Erkrankungen aller Abschnitte der Wirbelsäule wie Bandscheibenvorfälle, Wirbelgleiten, Instabilitäten, Deformitäten sowie tumoröse, traumatische und entzündliche Wirbelsäulenerkrankungen und Wirbelkanalverengungen.

 

Ein verengter Wirbelkanal kann zu Schmerzen 
in den Beinen führen
Das Rückenmark verläuft im Wirbelkanal - einer engen Röhre. Eine Struktur aus Knochen, Bindegewebe und Bändern ummantelt das Rückenmark und im Bereich der Lendenwirbelsäule die Nervenwurzeln, die in die Beine ziehen. Bei starken degenerativen Veränderungen der Lendenwirbelsäule entstehen Knochenauswüchse an den Wirbelgelenken und Wirbelbögen, die den Wirbelkanal ganz erheblich einengen können. Dem Rückenmark und den Nerven fehlt so der notwendige Raum. „Ein verengter Wirbelkanal hat Auswirkungen auf die Beine. Diese Auswirkungen sind denjenigen von Durchblutungsstörungen ähnlich: Ein Bein oder beide Beine fangen beim Gehen an zu schmerzen und die Strecken, die der Betroffene zurücklegen kann, werden kürzer“, erklärt Dr. Alexander Richter. Insbesondere, wenn die Wirbelsäule aufgerichtet wird, kommt es zu Schmerzen im unteren Rücken, die bis in die Beine ausstrahlen können.
In schweren Fällen können Muskelschwächen in den Beinen und Empfindungsstörungen auftreten. Das wiederholte Stehenbleiben, dem die „Schaufensterkrankheit“ ihren Namen verdankt, sorgt für eine kurzzeitige Verbesserung. Typisch ist die Besserung der Symptome bei einer Gangpause und vorn übergeneigter Haltung, einer Aufrichtung der Lendenwirbelsäule und damit Erweiterung des Wirbelkanals. Dieses erklärt auch das Phänomen, dass die Betroffenen häufig in der Lage sind, uneingeschränkt Fahrrad zu fahren.
Nicht selten tritt eine Verengung des Wirbelkanals mit einer Verschiebung von Wirbelkörpern auf, das sogenannte Wirbelgleiten. Aufgrund der degenerativen Veränderungen bzw. Lockerung eines Bewegungssegmentes - zwei Wirbel mit angrenzender Bandscheibe - kommt es zu einer Verschiebung der Wirbel gegeneinander. Ein gesamter Wirbel, einschließlich des Wirbelbogens gleitet trotz intakter Wirbelgelenke nach vorne.

 

Bis zu zehn Prozent der über 60-Jährigen sind betroffen
Die Häufigkeit des degenerativen Wirbelgleitens beträgt zwischen fünf und zehn Prozent der über 60-Jährigen. Aufgrund der verschleißbedingten Veränderungen an Bandscheibe, Bandstrukturen und der kleinen Wirbelgelenke kommt es zusätzlich zu einer Einengung des Spinalkanals und Bedrängung von Nervenstrukturen.

Eine Einengung des Spinalkanals kann auch ohne Beschwerden vorliegen. Ärzte sprechen in dem Fall von einer klinisch „stummen“, bzw. kompensierten Einengung, bei der kein ärztlicher Handlungsbedarf besteht.
Zur Bestätigung der Diagnose der Wirbelkanalverengung mit und ohne Wirbelgleiten zählen neben den konventionellen Röntgenaufnahmen der Lendenwirbelsäule Röntgenaufnahmen unter Vor- und Rückneigung zum Nachweis bzw. Ausschluss einer bestehenden Instabilität. Zusätzlich muss zur Bestimmung der Weite des Wirbelkanals ein Schichtbildverfahren (idealerweise eine Kernspintomographie, alternativ Computertomographie) durchgeführt werden. Die Symptome lassen sich manchmal mit konservativen Methoden lindern, wobei die Möglichkeiten durch die nicht zu behebende Ursache (knöchern- und weichteilbedingte Enge) eingeschränkt sind.

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Bei starken Schmerzen sollte operiert werden
Neben krankengymnastischen Übungen können Wärmeanwendungen, Schmerzmittel und entzündungshemmende Medikamente die Beschwerden abmildern. „Zu einer operativen Therapie sollte dem Patienten geraten werden, wenn starke Schmerzen und Gehbeeinträchtigungen mit Reduktion der Gehstrecke auf wenige hundert Meter zu einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität führen und konservative Therapiemaßnahmen zu keiner Linderung der Beschwerden führten“, erklärt Dr. Alexander Richter.
Die alleinige Erweiterung des Spinalkanals wird heutzutage minimal invasiv mikrochirurgisch durchgeführt ohne die Stabilität des Bewegungssegmentes zu gefährden. Hierdurch sind diese risikoarmen Operationen auch im hohen Alter möglich. Rund vier bis acht Wochen nach der Operation kann der Patient meist wieder normale Alltagsaktivitäten erledigen.

Nur bei einer ausgeprägten Instabilität des Bewegungssegmentes wird neben der Dekompression des Bewegungssegmentes eine Stabilisierung notwendig. Hierbei werden ebenfalls unter Vollnarkose vom Rücken aus die bedrängten Nervenstrukturen entlastet, zusätzlich wird ein Schrauben-Stab-System in die entsprechenden Wirbelkörper eingebracht. Zur zusätzlichen Stabilisierung erfolgt dann die Ausräumung der Bandscheibe und Einbringen eines mit eigenem Knochen gefüllten „Korbes“. Der Knochen muss nun verheilen und führt dann zur endgültigen Stabilisierung (Versteifung) des ehemaligen Bewegungssegmentes. Die durchschnittliche Operationszeit beträgt für einen solchen Eingriff 150 Minuten. Auch nach dieser Operation darf der Patient sofort aufstehen, eine Mieder oder Korsettversorgung ist nicht notwendig, da die Stabilität des Implantates einer sofortigen Belastung standhält. Der durchschnittliche stationäre Aufenthalt beträgt acht bis zehn Tage.

 

Von einer Operation profitieren viele Patienten
Bei den über 65-Jährigen ist die operative Behandlung einer symptomatischen Spinalkanalstenose der häufigste operative Eingriff an der Wirbelsäule und kann auch im hohen Alter risikoarm durchgeführt werden. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass operierte Patienten über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren im Vergleich zu den konservativ behandelten Patienten mehr profitieren wie Sigrid Beier.
Bei Frau Beier waren die Schmerzen so stark, dass sie sich im Dezember 2017 zu einer Operation bei Dr. Alexander Richter entschied. Bereits vier Tage nach der Operation läuft die 77-Jährige schon wieder: „Meine Schmerzen sind komplett weg“, strahlt sie. „Jetzt werde ich mich endlich in einem Fitnessstudio anmelden und wieder auf Reisen gehen.“

 

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