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Barbara Sukowa im Interview

„Ich hoffe, dass ich im richtigen Leben keine Nervensäge bin“. Barbara Sukowa über Leihomas, Unterschiede zwischen den Alten und den Jungen und die Komödie „Enkel für Anfänger“ – ein Interview.

Enkel für Anfänger (Regie: Wolfgang Groos) – startete im Januar 2020 im Kino, ab 20. August ist der Film auf DVD erhältlich. Bild: Studiocan

Schauspielerin Barbara Sukowa ist eine der bekanntesten Charakterdarstellerinnen des deutschen Kinos. 1978 wurde sie nach einer Theaterkarriere mit ihrer Rolle als Mieze in Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“ berühmt. In Cannes bekam sie 1985 den Preis als beste Darstellerin für ihre Rosa Luxemburg im gleichnamigen Film von Margarethe von Trotta. In diesem Jahr ist die inzwischen 70-Jährige in der Komödie „Enkel für Anfänger“ zu sehen. Der Film startete im Januar in den Kinos, am 20. August erscheint die DVD.

Sie selbst sind beruflich immer noch fleißig unterwegs, von der Rente sind Sie weit entfernt. Wie haben Sie sich auf die Rolle von Rentnerin und Leihoma Philippa vorbereitet?  

Barbara Sukowa: Da brauchte ich mich eigentlich gar nicht so viel vorbereiten. Ich musste meine Rolle lernen, natürlich die Geschichte von Philippa, ihren Hintergrund kennenler- nen. Aber ansonsten kann man sich ja vorstellen wie es ist, wenn man Rentnerin ist.

Könnten Sie sich vorstellen im „echten“ Leben als „Leihoma“ zu agieren?

Barbara Sukowa: Ja, wenn ich selbst jetzt nicht noch im Beruf stehen würde und keine Familie hätte, um die ich mich kümmere, dann könnte ich mir das sehr gut vorstellen. Ich glaube, das würde Spaß machen.

Wie ernst ist für Sie das Thema „Leihoma“? Es gibt immer mehr Internet-Portale, auf denen Leihgroßeltern vermittelt werden. Wie finden Sie das – nützlich oder trostlos?

Barbara Sukowa: Ich wusste gar nicht, dass es so viele Internet-Portale gibt, die so eine Vermittlung anbieten. Also generell finde ich es eine schöne Idee, denn es ist doch wunderbar, wenn Kinder mit älteren Erwachsenen zusammenkommen. Oft sind die Eltern sehr beschäftigt, weil beide berufstätig sind. Insofern ist es schön, wenn Kinder Leihgroßeltern haben können, die vielleicht mehr Ruhe und mehr Zeit für sie haben; ihnen besser zuhören können. Trostlos würde ich es deswegen nicht nennen. Aber es ist schon schade, dass die Familien heute oft in unterschiedlichen Städten wohnen. Meine Enkelin wohnt in Berlin und ich in New York, das ist nun wirklich weit weg. Aber selbst wenn der eine in München und der andere in Zürich wohnt, ist es auch nicht viel einfacher. Es ist schade, dass sich die Familien aufgrund der beruflichen Verpflichtungen teilweise so auseinanderdividieren.

Mussten Sie als etwas schräge Oma im Film oft anders handeln, als Sie es im wirklichen Leben tun würden?

Barbara Sukowa: Naja, Philippa ist ja ein bisschen eine Nervensäge. Ich hoffe natürlich, dass ich im richtigen Leben nicht so eine Nervensäge bin. Sie lebt aber auch ganz anders als ich – in einem Bauwagen und ohne Familie. Aber so wie sie mit dem Kind umgeht, damit kann ich mich ganz gut identifizieren.

Natürlich sind im Film zahlreiche Szenen herrlich überspitzt, ihnen wohnt ja immer auch ein Fünkchen Wahrheit inne. Warum ist „Enkel für Anfänger“ für Sie eine gute Komödie?

Filmszene aus "Enkel für Anfänger"

Barbara Sukowa: Ich finde die Szenen eigentlich gar nicht so wahnsinnig überspitzt. Im Gegenteil, ich finde sie ziemlich realistisch. Eine gute Komödie beinhaltet für mich Szenen, die komisch sind, aber auch Figuren mit einem ernsten Hintergrund. Die kommen zwar in Situationen, in denen es komödiantisch zugeht, aber jeder hat eigentlich auch etwas, mit dem er zu kämpfen hat. Philippa kämpft damit, dass sie eigentlich die Beziehung zu ihrem eigenen Enkelkind verloren hat. Karin (Maren Kroymann, Anm. der Redaktion) hat mit einer schwierigen Ehe zu tun. Und Gerhard, der von Heiner Lauterbach gespielt wird, ist einsam, weil er seinen Hund und Ehemann verloren hat. Das finde ich bei einer Komödie wichtig, dass es einen ernsten Hintergrund gibt – trotz aller lustigen Begebenheiten.

Für wen ist der Film „Enkel für Anfänger“ Ihrer Meinung nach gedacht? Für die „Alten“, die sich herrlich über die Jungen mit ihren ganzen Problemen lustig machen können, oder ... ?

Barbara Sukowa: Ich finde, der Film ist für ältere Leute gedacht, aber auch für junge Eltern. Und sogar auch für noch jüngere Leute, die vielleicht mal sehen können, wie es ist, wenn man Kinder hat, und was da für Probleme auftauchen können. Die Unterschiede zwischen den Alten und den Jungen sind schon ganz schön groß, und daraus ergibt sich eine tolle Situationsko- mik. Darüber darf sich jeder Zuschauer gerne lustig machen.

Zurück ins „echte Leben“: Was ist heute besser als „früher“?

Barbara Sukowa: Ich glaube, man kann gar nicht pauschal sagen, dass etwas „besser“ ist. Es gibt heute Vorteile, und es gab damals Vorteile. Heute sind die Menschen anderen gegenüber vielleicht offener. Heute wird z. B. ein homosexuelles Kind nicht mehr ausgestoßen. Einerseits ist heute durch das Internet so eine Öffnung in die Welt gegeben, und man lernt viel kennen über andere Menschen. Vielleicht ergeben sich dadurch Vorteile. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass man dadurch den persönlichen Kontakt und echte Beziehungen verliert, weil sich alles nur noch über Maschinen abwickelt.

Gibt es auch etwas was „früher besser war“?

Barbara Sukowa:  Mit den Kategorien „besser“ und „schlechter“ kann ich, wie gesagt, eigentlich nicht viel anfangen. Ich würde sagen, die Dinge waren anders. Für mich persönlich war es vielleicht schöner, dass ich als Kind alleine zur Schule gehen und unbeobachtet von meinen Eltern rumrennen konnte. So etwas gibt es in einer Stadt wie New York, wo ich jetzt lebe, eben nicht mehr. Der weiße Mittelstand lässt seine Kinder nicht unbeobachtet auf der Straße. Die Angst, die den Menschen eingeimpft wird, ist heute stärker. Früher hatte man nicht so viel Angst.           

Corinna Chateaubourg © SeMa

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