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Die Freuden des Gartens

Selbst im Krisenjahr 2020 gab es bisher ein paar schöne Überraschungen. Eine von ihnen: das Comeback des Gartens. Der eigene Flecken Grün – wie klein oder groß auch immer – bewährt sich nun als Ort der Zuflucht für die von Abstandsregeln geplagten Familien; ein Versprechen von Glück und Luft zum Durchatmen. Schon lange nicht mehr wurde ein Sommer von Jung und Alt so herbeigesehnt wie dieser!

Auch in der Metropolregion Hamburg erfuhren die Bau- und Gartenmärkte im Frühjahr eine rege Nachfrage nach allem, was das Leben im Freien noch schöner macht: Rosenstöcke und Hortensien, Kräutertöpfe und Tomatenpflanzen, da-zu Kübel, Bänke, Hängematten. Viele Menschen entdecken in diesem vielleicht nicht ganz so dürren Sommer die Freuden des Gartens. Jetzt gilt es nicht mehr nur die Bienen zu retten, sondern ganz neue Risikogruppen.

Wer im Juni bei frischer Brise und Sonnenschein durch das Blankeneser Treppenviertel spazierte, konnte sich kaum sattsehen an all den prächtigen Rosen, die weiß, rot und orange durch die Gartenzäune leuchten. Auch im Viertel nebenan, auf den 36 Parzellen des Kleingartenvereins Iserbrook, sind wieder zufriedene Menschen zu beobachten, die fleißig ihre Beete und Bäume pflegen, Radieschen aus der Erde ziehen, Kirschen ernten – und mit Freunden ihr Bier zum Feierabend genießen.

 

Zwar schrumpft die Zahl der Kleingärten auch in Hamburg ungebremst weiter – die Stadtplaner haben für diese Flächen ganz andere Pläne! – doch seit dem Jahr 2000 lassen sich auch viele junge Familien mit Kindern auf die Wartelisten setzen, das Durchschnittsalter der Pächter sinkt. Natürlich gibt es Regeln wie in jedem Verein, doch dafür bekommt man auch Rat und Hilfe – und die Generationen kommen an diesen Orten so leicht ins Gespräch wie kaum irgendwo sonst. Kinder erfahren im Nutzgarten, dass Radieschen, Wurzeln, Kartoffeln und Salat nicht im Supermarkt wachsen, sondern in einem gut gehackten und gewässerten Boden. Sie lernen viel über Mücken, Schnecken, Käfer und Blattläuse. Auch die Phänomene des Wetters erleben sie direkt von oben und nicht virtuell am Bildschirm.

Während heimisches Obst und Gemüse immer teurer zu werden drohen, bieten Früchte, Wurzeln und Knollen aus dem eigenen Garten eine Alternative. Rhabarber, Gurken, Zucchini und Kürbisse machen wenig Arbeit. Duftende Kräuter wie Basilikum, Rosmarin, Thymian, Salbei und Lavendel versetzen jede Terrasse in die Provence. Balkonien statt Balearen. Erdbeeren gedeihen auch in Hochbeeten und sind dann garantiert frischer als an jedem Erdbeerstand. „Mieze Schindler“ heißt eine feine alte Sorte, sie schmeckt besser als die Kollegin „Korona“, beide benötigen eine sensible, artgerechte Zuwendung. Um Kartoffeln anzubauen braucht man schon mehr Anleitung, und es lohnt sich nur in größeren Mengen.

Es gibt immer etwas zu tun: Gartenarbeit hält fit und macht Spaß! Oma und Opa dürfen nun wieder auf die Enkel aufpassen und ihnen Sinnvolles beibringen, und sei es nur die Liebe zu den Jahreszeiten. Wenn Kirschen, Johannisbeeren und Äpfel reif sind, werden Eimer und Körbe schnell voll. Mamas Pflaumenmus aus eigenen Früchten oder Onkel Rainers selbst gemachter Ketchup schmecken einfach unvergleichlich, noch lange nach dem August. Wie sie selbst sagen, gibt es auch für Senioren jenseits der 70 keinen gesünderen Sport als das Arbeiten im eigenen Garten. Manche von ihnen gießen noch mit 80 ihre Blumen, Kräuter und das Gemüse. Und radeln mit vollen Taschen heim.

In den Gartenanlagen der Elbvororte stehen sowohl einfache Lauben als auch massive Häuser. Es sieht alles viel individueller aus als zu den Zeiten, als die „Laubenpieper“ gern als Spießer belächelt wurden. Jeder Garten, egal, ob hinterm Reihenhaus, auf der Parzelle oder vom bezahlten Dienstleister gepflegt, sagt etwas über seine Besitzer und deren Vorlieben aus. Kein Grundstück gleicht dem anderen. Aufmerksame Spaziergänger erblicken kurz geschnittene Rasenflächen und Beete wie mit dem Lineal gezogen, gleich daneben romantisch verwilderte Bienenreservate mit Korn- und Mohnblumen sowie Margeriten zwischen hohem Gras. Gartenzwerge sieht man immer seltener, dafür sitzt vielleicht ein kleiner Buddha am Teich und lauscht dem Konzert der Frösche.

Während in den Metropolen wie Hamburg, München und Berlin die Nachfrage nach Gärten das Angebot weit übersteigt, gibt es auch Gegenden in Mecklenburg, Thüringen oder Sachsen-Anhalt, wo die Bevölkerung seit 1990 abgenommen hat. In ihren Kommunen tun sich neue Freiräume für Zugezogene auf. Im Künstlerstädtchen Kalbe (Milde) bei Salzwedel in der Altmark haben Marko Kühnel und Peter Clauss, zwei fantasiebegabte Gärtner, am Roten Wall jetzt einen neuen Lustgarten angelegt, in dem optische Schönheit auf kulinarischen Mehrwert trifft. Die Hochbeete auf massiven Pfosten sehen wie Dinos oder Lastentiere aus. Sogar sieben legefreudige Hühner laufen umher. Gartenkultur neuen Stils in der Provinz.

Manche weisen Männer wollen einfach ihre Ruhe. Sie werkeln nur, wenn es ihnen im Liegestuhl zu kühl wird. Um die Blumen kümmert sich die Partnerin. Ab und zu kommen Freunde vorbei, um ihre grünen Daumen zu trainieren. Oder eben das gepflegte Nichtstun. Denn welch fromme Hoffnung hinterließ uns doch der französische Denker Blaise Pascal, bevor er 1662 mit nur 39 Jahren starb? „In einem Garten ging uns das Paradies verloren, in einem Garten finden wir es wieder.“      

Stephan Clauss © SeMa

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