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Nostalgie auf dem Hamburger DOM

das älteste Fahrgeschäft wird von Emmy und Rolf Vespermann betrieben

Seit 1893 ist das Volksfest auf dem Heiligengeistfeld. Seinen Ursprung hatte das bunte Treiben schon im 11. Jahrhundert als Handwerker, Händler, aber auch Gaukler im Mariendom am Speersort Schutz vor Wind und Wetter suchten. Den damaligen Domherrn störte das Treiben und er erteilte den Schaustellern 1334 Hausverbot. Das wurde ihm von den Kirchgängern übel genommen, sodass er 1337 die Anwesenheit der Händler wenigstens noch bei „Schietwetter“ erlaubte. 1804 wurde die Kirche abgerissen. Die Gewerbetreibenden waren nun ohne festen Standort. Sie zogen durch verschiedene Stadtteile, bis die Marktleute und Gaukler 1893 diesen neuen Platz auf dem Heiligengeistfeld zugewiesen bekamen.

Heutzutage befinden sich über 250 Schausteller und 110 Gastronomiebetriebe auf dem ca. 160.000 Quadratmeter großen Festgelände.

Zwischen blinkenden und laut aufheulenden Fahrgeschäften steht das älteste. Es ist das Karussell der Familie Vespermann, und dahinter die Orgel, die noch mit Lochplatten betrieben

wird und alte Melodien spielt. Das ist wohltuende Nostalgie pur und wunderschön. Hier wurde ein Stück der guten alten Zeit in den heutigen computergesteuerten Alltag hinübergerettet. Dieses Fahrgeschäft ist das Herzstück auf dem Hamburger DOM. Seit 1902 erfreuen sich Groß und Klein an dem Holzkarusell.

Kunst- und liebevoll gestaltete Gondeln, ein Feuerwehrauto, eine Rakete und 20 Pferde drehen sich im Kreis. Emmy besuchte damals, im März 1959, mit ihrer Freundin den Jahrmarkt. Als Rolf sie dann aus seinem früheren Geschäft, einer Zuckerbude, anlächelte, war es um sie geschehen. Aus der gegenseitigen Zuneigung wurde Liebe. Im Dezember 1963 folgte dann die Hochzeit. Morgens um 9.30 Uhr war die Trauung. Danach ging es schnell nach Hause, die bereitgestellte Suppe essen und nachmittags wieder zum Karusell.

SeMa: In der wie vielten Generation betreiben Sie dieses Karusell?

Herr Vespermann: Wir sind die dritte Generation, und unser Sohn Reiner, der das Fahrgeschäft übernehmen wird, ist dann die vierte.

SeMa: Seit wann sind Sie auf dem Dom?

Frau Vespermann: seit meinem 19. Lebensjahr, somit seit 60 Jahren, bin ich dreimal im Jahr mit meinem Mann hier auf dem Heiligengeistfeld. Mein Mann ist bis zu seinem 13. Lebensjahr bei den Großeltern aufgewachsen, und danach war er mit auf dem Dom und das nun schon seit 78 Jahren.

SeMa: Ist das Geschäft für Sie in den Jahren schlechter geworden?

Frau Vespermann: Ja, es kommt in erster Linie durch die Entwicklung der Technik. Die Kinder sitzen nur noch vor den Computern und sie gehen nicht mehr raus. Was aber ganz schlecht fürs Geschäft ist, sind die Ganztagsschulen. Die Kinder kommen erst nach 16 Uhr nach Hause und danach gehen sie nur noch selten zum Dom.

SeMa: Dürfen Besucher jeden Alters die Rundfahrt mitmachen?

Frau Vespermann: Bei uns fahren sie alle, auch Erwachsene sind willkommen, von null bis hundert und darüber. Es können dann auch die Kleinsten mit ihren Eltern auf die Pferde, in die Gondeln oder in die Rakete. Die Feuerwehr ist nur für Kinder. Es kommen auch wieder mehr Jugendliche. Wenn Sie dann fragen, bis zu welchem Alter sie Kind sind, wegen des Fahrpreises, antworte ich immer: Solange man noch Eltern hat, ist man Kind. Bei uns geht der Fahrpreis nicht nach dem Alter. Jeder Platz kostet gleich. 2,50 Euro für eine Fahrt von 3 Minuten von Donnerstag bis Dienstag und am Mittwoch, dem Familientag, 1,50 Euro.

SeMa: Haben Sie für Ihr Geschäft ein Dauer-Abo auf dem Platz?

Frau Vespermann: Nein, auch wir müssen jedes Jahr eine neue Bewerbung schreiben. Jeder, der hier arbeiten möchte, muss die Bewerbung schreiben.

SeMa: Wohnen Sie dort auch während der drei Monate?

Herr Vespermann: Wir haben jetzt hier einen Campingwagen, in dem wir auch übernachten. Wir lassen unser Geschäft doch nicht allein.

SeMa: Machen Sie auch mal Urlaub?

Frau Vespermann: 1979 waren wir acht Tage im Harz und 1987 vierzehn Tage in Österreich. In den Ferienzeiten sind wir immer auf dem Dom, und wir vermissen nichts. Wir sehen im Fernsehen Heimatfilme und „Traumschiff“ und dann sind wir in Gedanken mit in weiter Ferne.

SeMa: Was macht Sie glücklich?

Beide gleichzeitig: der Dom!

Herr Vespermann: Und unsere Arbeit hier mit den Menschen macht uns glücklich, und es ist doch unser zweites Zuhause.

SeMa: Wie lange wollen Sie noch mit ihrem Rundfahrgeschäft arbeiten?

Frau Vespermann: So lange es geht. Ohne den Dom können wir unser Leben nicht vorstellen.

SeMa: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Beide: Gesundheit und dass das Geschäft gut läuft.

Text und Fotos Marion Schröder