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Immer noch Lust auf die Lust

Eine gute Nachricht: Deutsche haben ein erfülltes Sexualleben. So hat es die Studie “So lieben wir Deutschen” ergeben. Auch im Alter spielt Sex eine größere Rolle, als wir es denken.

Was sind das für Geräusche aus der Bord-Toilette? Ob da technisch etwas nicht in Ordnung ist? Bevor Sie es bei Ihrem nächsten Flug mit der Angst bekommen, wenn es aus dem WC undefinierbar rumpelt, behalten Sie einfach die Ruhe. Es könnten in der Tat auch Passagiere sein, die sich dort zu einem Schäferstündchen treffen, denn 49 Prozent aller Deutschen sagen, dass sie schon Sex in einem Fortbewegungsmittel, wie im Flugzeug oder Auto, gehabt haben. Das passt zu der Tatsache, dass wir Deutschen es gern außerhalb unserer vier Wände tun, wenn uns die Lust packt.

Aktueller Report rund um Sex
Ergeben hat das der Sexualreport “So lieben wir Deutschen”, der mit dem Online-Portal Fernarzt erarbeitet worden ist (www.fernarzt.com/sexreport). Neben der Frage, an welchen Örtlichkeiten wir uns gern sexuell vergnügen, betrachtet er auch Aspekte wie Sex und Ehe bzw. Partnerschaft, sexuelle Zufriedenheit nach Bundesländern und nach Frauen oder Männern sowie die Frage, ob und wie sich unser Sexualleben mit zunehmendem Alter verändert. Eines sei dabei vorweggenommen: Auch mit 60, 70 und später hört die Lust auf die Lust nicht auf. Im Gegenteil, immer mehr ältere Menschen stehen zu ihren sexuellen Bedürfnissen und genießen diese.
Erfüllung außerhalb des Zuhauses
Um nochmal auf die Sache mit der Bordtoilette zu kommen: Das Schlafzimmer ist längst nicht mehr der beliebteste Ort für ein körperliches Miteinander. Vor allem wenn einen die Lust spontan packt, verziehen sich deutsche Paare außerhalb ihres Wohnbereiches an alternative Stellen. Das kann das fremde Schlafzimmer, ein Raum am Arbeitsplatz oder in der Natur sein. Ein Bett im Kornfeld, von Jürgen Drews besungen, hat genauso viel Reiz wie der Strand, Parks oder Schwimmbäder, um seiner Sexualität nachzugehen. Wenn es im Wald rasselt, könnte es statt einem Reh auch ein Liebespaar sein - 76 Prozent der Deutschen erklären, dass sie 2017 bereits Sex außerhalb ihres Zuhauses hatten.
Längst kein Tabuthema mehr
Generell lässt sich sagen, dass Sex in Deutschland ein Revival erlebt: Vergleichbar mit den 1960er und 70er Jahren, als “freie Liebe” nicht nur ein Begriff war, sondern ein Lebensgefühl darstellte, ist Sexualität in Deutschland heute wichtiger denn je. Auch das ist in dem Sexualreport zu erkennen: Sex ist entgegen vieler Meinungen schon lange kein Tabuthema mehr.
Ob in jüngeren Jahren oder später, gemäß dem Report lässt sich Sex aus dem Alltag von Frauen und Männern nicht mehr wegdenken. Interessanterweise gibt es sogar Unterschiede einzelner Städte und Bundesländer, wenn es um die sexuelle Häufigkeit geht: Wer in Niedersachsen oder Hamburg lebt, der kann sich glücklich schätzen, denn da “macht rund ein Viertel mehrmals pro Woche Liebe”.
Vielleicht liegt es auch an der Person, mit der man Sex hat: Mehr als die Hälfte aller Männer und Frauen geben an, dass sie mit der Anzahl ihrer Sexualpartner (etwa zwei bis fünf) zufrieden sind.  
Zufriedenheit mit dem Partner
Dazu kann der Report noch eine gute Nachricht präsentieren: Mehr als 93 Prozent der Deutschen fühlen sich in ihrer Partnerschaft wertgeschätzt. Ein Ergebnis, das sich positiv gegen das Gefühl wendet, dass immer mehr Beziehungen immer schneller auseinander gehen. In Wirklichkeit finden laut dem erstellten Report nur 15 Prozent, dass sie zu viel streiten.
Ein harmonisches Miteinander wird sowieso von vielen Paaren groß geschrieben. So sei es Frauen und Männern zunehmend wichtig, dass ihr Partner “zuhört, auf ihre Gefühle eingeht und den anderen trotz Schwächen und Makel respektiert”. Rund zwei Drittel aller Verheirateten sind daher hierzulande auch sehr zufrieden mit ihrem ehelichen Sexualleben. Ebenso sind 75 Prozent der unverheirateten Frauen in ihrer Partnerschaft mit dem Sex zufrieden. Ob verheiratet oder nicht, einen Wunsch hat das männliche Geschlecht: Etwas mehr Freiraum vom Partner würde gern ein Drittel aller Männer bekommen.

Auch im Alter Lust auf Sex
Und wie sieht es aus, wenn wir die zweite Hälfte unseres Lebens erreicht haben? Auch hier lässt sich die Antwort auf den Punkt bringen: Altern bedeutet nicht den Verlust an sexuellem Interesse. Viele Frauen und Männer sehnen sich gerade im Alter nach Körperkontakt. In Zahlen stellt sich das so dar: “Männer haben in ihren 60ern 18 Mal im Jahr Sex, wohingegen Frauen nur 14 Mal im Jahr sexuell aktiv sind. 63 Prozent aller Männer über 60 sehnen sich nach den Berührungen des Partners”.

Nähe zum Partner – das ist es, was die meisten älteren Menschen sich wünschen. Und zwar auch dann, wenn sich der Körper und die Gesundheit mit dem Alter verändern, was ja wiederum auch Einfluss auf das Sexualleben haben kann. Verantwortlich dafür sind vor allem Hormone, die die Lust entweder auslösen oder mindern.
Sexuelle Probleme auch ansprechen
Mit welchen Problemen haben Männer und Frauen ab 50 zu kämpfen, wenn es um Sexualität geht? Auf diese Frage gibt der Sexualtherapeut Volker van den Boom in einem Interview, das zu der Studie gehört, folgende Antwort: “Als Sexualtherapeut erlebe ich immer wieder Paare, deren Beziehung über die Jahre eingeschlafen ist. Insbesondere viele Männer werden im Alltag träge und gleichgültig. Es fehlen Abwechslung und auch der Wille, in eine erfüllte Beziehung zu investieren”. Bei Paaren, die erst im höheren Alter zueinander finden, stellt Volker van den Boom die interessante Beobachtung fest, dass Frau nach mehreren Partnerschaften genau weiß, “was sie will und stellt Anforderungen an den Mann, der sie manchmal nicht erfüllen kann. Das kann zu Konflikten ... führen”. Daher sei es für den Experten wichtig, dass Frauen auf die Männer zugehen und beide dann über ihre Probleme sprechen.
Ursachen erkennen und Sex genießen
Das ist aber theoretisch einfacher gesagt als getan, wie auch der Sexualtherapeut weiß. Wichtig sei für ihn daher zunächst die Bereitschaft, etwas an der Situation zu ändern. Ein unbefriedigendes Sexleben kann diverse Ursachen haben, wie eine erektile Dysfunktion bei Männern, Trockenheit im Bereich der Scheide bei Frauen oder Probleme, die im Kopf entstehen und Stress auslösen. Den Ursachen müssen die Betroffenen erst einmal auf die Spur kommen, um im Anschluss dann eine praktische Lösung für das Problem zu finden. Ein Beispiel für so ein immer wieder zwischen älteren Partnern auftretendes Problem: Hat der Mann zum Beispiel Erektionsprobleme beim Sex mit seiner Partnerin, aber nicht bei der Selbstbefriedigung, dann ist es nicht so sehr der Körper, der untersucht werden muss. Vielmehr sollte hier die Psyche begutachtet werden. Und wenn Frauen die Lust am Sex verlieren, kann es auch an den Wechseljahren liegen, in die jede Frau kommt – die eine früher, die andere später.
Keine Lust oder mehr Lust
Wissenschaftlich als „Klimakterium“ bezeichnet, erlebt jede Frau die Wechseljahre. Jedoch hat nicht jede mit hormonellen Problemen zu tun. “Etwa ein Drittel ... leidet unter starken Beschwerden und sucht deswegen einen Arzt auf”, so Professor Ludwig Kiesel, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Universitätsklinikum Münster und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG).
Frauen, die zu den von Wechseljahren betroffenen Exemplaren gehören, haben oft Hitzewallungen, starkes Schwitzen – auch nachts – Schlafstörungen, Erschöpfung und depressive Verstimmungen. Scheidentrockenheit und Scheideninfektionen gehören auch zu den typischen Beschwerden. “Die verringerte Hormonproduktion hat Einfluss auf viele Körperfunktionen und damit letzten Endes natürlich auch auf die Sexualität”, sagt Professor Kiesel.
Nicht immer stecken Frauen diese Veränderungen gut weg, wie von Experten wie Kiesel immer wieder zu hören ist: So haben viele Frauen in dieser Phase das Gefühl, ein anderer Mensch zu sein. “Wer sich unwohl fühlt, hat weniger Verlangen nach Sex. Auch depressive Verstimmungen, die mit dem Hormonabfall häufig einhergehen, schwächen die Lust”, erklärt der Experte für Frauenheilkunde. Außerdem kann auch die Veränderung im Hormonhaushalt die weibliche Libido negativ beeinflussen und das Sexualgefühl eindämmen. Für die Frau und ihre Partnerschaft keine leichte Situation.
Mehr Sex gegen Schmerzen
Viele Frauen haben noch ein Problem, über das sie jedoch oft nicht gerne sprechen: Der Sex ist nach den Wechseljahren plötzlich mit Schmerzen verbunden. Der Grund liegt in der sogenannten vaginalen Atrophie, auch als Scheidentrockenheit benannt. Auch hier sind es Hormone, die diese Veränderung hervorrufen, denn sie sorgen normalerweise für die Befeuchtung der Vagina. Mit dem Abfall des Hormons Östrogen bildet sich die Schleimhaut jedoch zurück, was zu Schmerzen beim Sex führen kann. Ein Tipp, den Experten geben: Frau sollte nur dann Geschlechtsverkehr haben, wenn sie wirklich erregt ist. Sonst drohen Verletzungen der Schleimhäute. Die gute Nachricht: Mehr sexuelle Aktivität verringert die Schmerzen auf Dauer wieder.
Hormone einnehmen oder nicht
Wie können betroffene Frauen mit dieser Situation umgehen? Vor allem wenn sie in einer festen und sonst sexuell erfüllten Partnerschaft leben? “Empfehlenswert ist es, wenn der Mann seine Partnerin zum Gynäkologen begleitet und beide ein Beratungsgespräch wahrnehmen”, rät Professor Kiesel. Das helfe auch dem Mann, körperliche und psychische Veränderungen seiner Partnerin besser zu verstehen und vielleicht sogar mit ihr zu entscheiden, ob sie Hormone einnehmen sollte oder nicht. Diese Frage sollte jede Frau für sich allein entscheiden, ohne sich etwa von Erfahrungen anderer Frauen leiten zu lassen, denn jede Frau ist körperlich anders gestrickt, erlebt die Wechseljahre anders und würde entsprechend auch anders auf Hormone reagieren. Wer auf Hormone verzichten möchte, der kann es mit pflanzlichen Alternativen versuchen, wie etwa Mönchspfeffer als ausgleichendes Mittel gegen die Hitzewallungen, Johanniskraut gegen Launen und Verstimmungen. Auch der Einsatz von Milchsäurebakterien (Laktobakterien) kann hilfreich sein, da Milchsäurebakterien laut Kiesel die empfindliche Scheidenflora stärken, Trockenheit und kleinen Rissen vorbeugen. Es gibt sie in Apotheken oder Drogeriemärkten in Form von Zäpfchen und Tabletten. Ebenso sei auch die Anwendung von erleichternden Gleitgelen beim Liebesspiel zu empfehlen.

Neue Wege zu neuer Lust
Wer jetzt glaubt, dass Frauen mit den Wechseljahren auch das Ende ihres sexuellen Lebens einläuten können, der hat sich geirrt. Viele Frauen finden neue Wege, sich in ihrem Körper wohl zu fühlen und somit ihr Sexualleben nach den Wechseljahren zu genießen. Hilfreich ist dabei oft auch eine gesunde Ernährung und Bewegung, denn beides hält Herz und Hirn auf Trab und den Körper fit. Die Bewegung setzt zudem Endorphine frei und macht glücklich. Eine gute Voraussetzung für eine Kuschelstimmung am Abend mit Streicheln, Küssen oder Kuscheln – und für einfühlsamen Sex.

Hilfe gegen Potenzprobleme
Was für die Frau die Wechseljahre sind, dass können für Männer im fortgeschrittenen Alter die Probleme mit der Potenz sein. Wenn „er“ nicht mehr so kann, wie es sonst üblich war, verspüren die meisten betroffenen Männer zuerst eine große Scham und scheuen den Gang zum Arzt. Doch dieser kann meistens Sinn machen, denn es gibt viele Behandlungsmethoden gegen die Potenzprobleme, die fachlich als erektile Dysfunktion bezeichnet wird. Davon spricht der Mediziner, wenn Mann keine Erektion bekommt oder diese nicht stark genug ist, um den Geschlechtsverkehr auszuüben. Das ist aber nicht gleich der Fall, wenn sein bestes Stück nur einmal ausfällt. Die Störung muss schon über eine Phase von etwa sechs Monaten bestehen, was bei älteren Männern keine Seltenheit ist: Laut einer Studie der Universität Köln aus dem Jahr 2000 leidet in der Altersgruppe der 60-69-Jährigen bereits jeder Dritte daran.
Ursachen wenn er nicht kann
Zu den häufigsten Ursachen für männliche Potenzprobleme gehört die Arteriosklerose, denn wenn die Blutgefäße durch Ablagerungen verengt sind, dann ist die Durchblutung im Beckenbereich und auch im Penis eingeschränkt. Aber auch ein Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und Altersdiabetes, starkes Übergewicht – und damit einhergehend ein zu niedriger Testosteronspiegel – Bluthochdruck, Multiple Sklerose, Schlafapnoe, Parkinson, Stoffwechselstörungen, Leber- und Nierenfunktionsstörungen und nicht zuletzt die Einnahme von Medikamenten oder von zu viel Nikotin, Alkohol und zu wenig Schlaf können Ursachen sein, durch die sich beim Mann Probleme mit der Erektion einstellen.
Zu Medikamenten, die die Potenz beeinflussen, zählen vor allem Thiazide und Betablocker, die beide gegen zu hohen Blutdruck verschrieben werden, oder Serotoninhemmer gegen Depressionen.
Hilfsmittel gegen Impotenz
Umgekehrt gibt es aber auch Medikamente, die ärztlich verschrieben eine gute Wirksamkeit haben, wie PDE-5-Hemmer, besser bekannt als Viagra®, Levitra® und Cialis®. Bei etwa 70 Prozent der Betroffenen helfen sie nachweislich, wie es in verschiedenen Berichten zu lesen ist.
Die Medikamente werden vor dem Geschlechtsverkehr eingenommen und erleichtern die Erektion. Sie dürfen aber nicht eingenommen werden, wenn Herzrhythmusstörungen oder ein Bluthochdruck vorliegen. Die Einnahme sollte daher mit dem Arzt besprochen werden.
Alternativ zu Medikamenten kann man(n) auch eine Penispumpe einsetzen. Ihre Wirkung: Die Pumpe versteift den Penis durch Unterdruck. Bei einer erektilen Dysfunktion kann sie sogar als medizinisches Hilfsmittel verschrieben werden, für das die Kosten von der Krankenkasse übernommen werden.
Abschließend lässt sich also sagen: Ob Frau oder Mann, auch in ihrer zweiten Lebenshälfte müssen sie auf ein erfülltes Sexualleben nicht verzichten, wenn sie auf den anderen besser eingehen, medizinische Defizite kennen und wissen, wie sie mit diesen so umgehen, dass die Lust auf die Lust wieder da ist. A. Petersen © SeMa