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Bis 2022  HVV barrierefrei

Zwischen Hoffnung und Hindernissen! Bis 2022 soll im HVV der Nahverkehr ohne Barrieren sein

City-Staus, genervte Autofahrer oder anstehende Diesel-Fahrverbote, der Verkehr in den Innenstädten beschäftigt die Bevölkerung genauso wie Regionalpolitiker oder  Kfz-Techniker. Nicht nur – aber auch – der öffentliche Nahverkehr in Hamburg wird vor diesem Hintergrund in den kommenden Jahren eine wesentliche größere Bedeutung haben als ohnehin schon. Die Verkehrsplaner stehen vor einer gewaltigen Aufgabe. Dazu

gehört der ungestörte Zugang zu Bussen, Bahnen und Schiffen – gerade für Senioren und in der Mobilität eingeschränkte Personen der oft entscheidende Punkt. Auch in Hamburg soll diese Personengruppe bis zum Jahr 2022 sorgenfrei sein. Das Senioren-Magazin (SeMa) hat sich beim Hamburger Verkehrsverbund (HVV) erkundigt, wie dies Versprechen umgesetzt werden soll.

Zwölf Zentimeter können unendlich hoch sein. Herma S. (68) steht mit ihrem Rollator am Kantstein vor einer Hamburger U-Bahn-Station. Diesen kommt sie mit Mühe noch hoch, in der  Station selbst sieht es anders aus. Nicht nur für sie, auch für viele hansea-tische Senioren ist Schluss ohne Fahrstuhl oder andere Hilfsmittel, die einen seniorenfreundlichen  U-Bahnhof ausmachen. Auch im Linienbus weiß Herma nicht so recht, wie sie ihren Gehwagen platzieren soll.

Die ältere Dame wäre nicht die Erste, die bei abruptem Bremsen, das im Stadtverkehr immer wieder vorkommt, den Halt verliert. Nicht wenige ältere Menschen und in der Mobilität eingeschränkte Personen sind schon auf diese Weise zu körperlichen Schäden gekommen, auch  die Hamburgerin Astrid Louven war betroffen. Sie brach sich bei einem Sturz im Bus sogar zwei Knochen an der Hand. Nicht ganz so schlimm erwischte es Alfred Pelka (61), der im Alltag auf einen Rollator angewiesen ist. „Ich stand noch im Bus, und in einer scharfen Kurve hat es mich umgeschmissen“, sagt der Langenhorner ratlos. Er sei kaum wieder auf die Beine gekommen.

Der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) weiß um solche Umstände, verweist für die Frage von Ersatzleistungen allerdings auf die einzelnen Verkehrsbetriebe (wie S-Bahn, Hadag oder private Busbetreiber), die in solchen Fällen haften könnten. Aber im Hinblick auf die vollkommene Barriere-Freiheit bis zum Jahr 2022, die auch in Hamburg das Ziel ist, tauchen bei der Umsetzung verschiedene Probleme auf (siehe nebenstehendes Interview mit einer HVV-Expertin), die nicht so leicht zu beseitigen scheinen.

Die Anstrengungen des HVV und des Öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) insgesamt sind immens. Um die 80 Prozent der U-Bahn-Stationen im HVV sind bereits barrierefrei ausgebaut. 2018 wurden fertiggestellt: Uhlandstraße, Hoheluftbrücke, Hagendeel, Merkenstraße, Langenhorn-Nord, Habichtstraße, Joachim-Mähl-Straße und Lübecker Straße (U3). In diesem Jahr  sollen Alter Teichweg, Fuhlsbüttel- Nord, Klein Borstel, Landungsbrücken, Lohmühlenstraße, Lübecker Straße (U1), Ritterstraße, Straßburger Straße und Wandsbeker Chaussee folgen. Die S-Bahn kann im Bereich des HVV sogar auf 81 Prozent umgebaute Stationen verweisen, in diesem Jahr kommen noch Harburg, Kornweg und Wellingsbüttel dazu. Notrufsäulen, die auch als Info-Säulen genutzt werden sollen und insgesamt 400 Sicherheitskräfte, die jederzeit Auskunft geben, gehören ebenfalls zum Programm.
Und trotzdem. „Die Umsetzung des 100-Prozent-Zieles kann und wird niemals klappen“, gibt Christiane Jochims, beim HVV zuständig für Verkehr und Planung, zu. Die verschiedenen Interessen seien zu vielschichtig, um ihnen vollends gerecht werden zu können“, sagt die Fachfrau weiter (siehe Interview nebenstehend). „Wir haben für die kommenden fünf Jahre eine seniorenfreundliche ÖPNV-Arbeitsgruppe eingerichtet, an der sich alle beteiligen können. Das ist unsere Reaktion auf den demografischen Wandel.“ Auch gebe es immer mehr Broschüren und Infos für Senioren (siehe ebenfalls nebenstehend).

Die Zahl im HVV transportierter Personen – unter ihnen viele, die auf Hilfe angewiesen sind – steigt permanent an. Waren es im Jahr 2008 noch knapp 640 Millionen Personen, die von Bus, Bahn und Schiffen befördert wurden, lag diese Zahl im Jahr 2016 schon bei gut 770 Millionen – Tendenz stark steigend. Die Zukunft schreit also nach Lösungen – auch oder gerade für die ältere Generation mit ihren eingeschränkten Möglichkeiten.

Es besteht oft keine Einigkeit

Christina Jochims, im Hamburger Verkehrsverbund (HVV) zuständig für die Planung, erklärt die Schwierigkeiten in den Arbeitsgruppen.

SeMa: Wo liegen die Probleme bei der Abstimmung?
Jochims: Die Abgeordneten zum Beispiel von Blinden-Vereinigungen, Taubstummen-Vertreter oder andere Interessen-Vertreter sind sich zum Beispiel nicht einig, wie hoch ein Bahnsteig sein soll, wie viel und welcher Platz im Bus sein sollte oder welche Abstände normiert werden sollten.

SeMa: Und was ist zum Beispiel mit den Abfahrzeiten?
Jochims: Auch bei den gewünschten Takten von Bussen und Bahnen ist teilweise eine Lösung kaum zu finden. Der eine will aus guten Gründen

kürzere Takte, der andere ebenso gut begründet längere Intervalle. Ein Kompromiss, der sinnvoll ist, ist oft schwierig.

SeMa: Wie wollen Sie dann alle im Sinne der 100-Prozent-Barrierefreiheit alle zufrieden stellen?
Jochims: Das wird in der Tat so extrem nicht möglich sein. Vor allen aber dauern diese Abstimmungsprozesse zwischen den Vertretern der Senioren und verschiedenen Verbänden sehr lange. Das ist Zeit, die wir eigentlich nicht haben.

SeMa: Wie sollte man sich mit dem Rollator im Bus verhalten?
Jochims: Der Rollator sollte natürlich festgestellt werden und immer quer zur Fahrtrichtung stehen. Wenn es der Person möglich ist, sollte sie auf jeden Fall auf einem festen Sitz Platz nehmen (nicht auf dem Rollator).

SeMa: Wird es zukünftig in Bussen noch mehr Platz für Rollatoren oder Kinderwagen geben.
Jochims: Wohl eher nicht. Es ist schon mehr Platz für Kinderwagen und Rollatoren geschaffen worden, mehr geht einfach nicht. Wir haben auch eine Verpflichtung, möglichst viele Sitzplätze zu stellen.

 

Hier gibt es HVV-Informationen

Beratung über Fahrtzeiten, Fahrtrouten und Fahrkarten:
Tel. 040/194 49 oder im Internet unter www.hvv.de.
Beratung zu Rollator-Schulungen für den Bus oder andere Mobilitätsberatung:
Hamburger Arbeitsgemeinschaft  für behinderte Menschen (LAG) e.V., Stresemannstraße 163,
22769 Hamburg, Telefon: 040/65 04 01 27 oder per Mail post@lagh-hamburg.de.
Weitere umfangreiche Infos auch für Senioren im Netz unter www.hvv.de.

Text und Bilder: K. Karkmann © SeMa