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Computerspiel im Alter

Früher schaute die Großmutter ins Kinderzimmer des Enkels und fragte sich, was der so lange vor dem Bildschirm macht. Heute verschwinden auch immer mehr Ältere per Joystick für Stunden in digitale Spielewelten. Aus Oma und Opa werden Computerspieler, neudeutsch Silver Gamer. Das macht Spaß und kann auch gut sein für die Konzentration – erforscht in einem Hamburger Seniorenheim.

Daddeln am Computer war gestern – und ist heute keine Domäne der jungen Leute mehr. Heute heißt daddeln auch nicht mehr so, sondern zocken – und wurde zum Freizeitspaß auch von Älteren. Immer mehr Menschen ab 60 stülpen sich Kopfhörer auf die Ohren, setzen die 3-D-Brille auf, rücken die bunt beleuchtete Tastatur neben die Kaffeetasse und platzieren die Maus. Dann geht’s los, um im Internet oder per digitalem Spielgerät („Konsole“) mit anderen Alters- und Spielgenossen auf die Jagd nach wilden Tieren zu gehen, rasante Autofahrten (trotz des fortgeschrittenen Alters) zu unternehmen oder um die Welt zu retten. All das klappt reibungslos – auch bei den Älteren – allerdings nur auf dem Monitor. Der Zugang zu dieser Welt erfolgt in der Regel via Internet oder über eine Spielekonsole (Nintendo, Xbox, Playstation). Diese Wunderkisten werden mit Spielen (aus dem Internet oder per Datenträger) gefüttert und an einen Monitor angeschlossen.

Autofahren

So können auch die, die ihren Führerschein abgegeben haben, im Videospiel Gran Tourismo durch Straßenschluchten brausen. Oder sie tauchen wie die Jugend ein in eine Action-, und Rennspiel-Welt, wie sie das Spiel Gran Theft Auto GTA frei Haus auf den Monitor zaubert. Dabei kann selbst der friedliebendste Senior gefahrlos in einer fiktiven amerikanischen Großstadt eine Verbrecherkarriere samt Autojagden anstreben. Ob manche Spiele politisch korrekt, militaristisch gewaltverherrlichend oder jenseits des guten Geschmackes sind, sei dahingestellt.

Die Welt retten

Im Internet tummeln sich Alt und Jung zum Beispiel bei „Fortnite“. (Das Wort bedeutet, dass hier Spieler 14 Tage Zeit haben, die Welt zu retten.) Von den 350 Millionen Menschen weltweit, die in einer bunten Comicwelt gegen andere Spieler antreten, ist die Zahl der Älteren gering – aber im Wachsen.  Das Zuhause wird zur Festung. Auch Senioren sind dafür zu haben, in diesem „Koop-Survival“-Game gegen Kreaturen zu kämpfen, die die Menschen in Angst und Schrecken versetzen. Im „Rette die Welt“-Modus verwandeln sich die sonst im Seniorenheim zurückhaltend freundlichen Älteren in tapfere Recken, die an der Seite von Verbündeten Schlachten schlagen und – die Langeweile verscheuchen.

Silver Gamer

Nach E-Mails, Navigation und Fahrplänen landeten Spiele auf Platz vier der meistgenutzten Funktionen bei Senioren. Mit einem Anteil von etwa einem Drittel sind Silver Gamer die größte Nutzergruppe von digitalen Spielen. Felix Falk, Geschäftsführer vom Game, dem Verband der deutschen Games- Branche: „Was die wenigsten vermuten: Die größte Gruppe an Spielerinnen und Spielern hierzulande ist nicht die der Kinder und Jugendlichen. Es sind die Silver Gamer, also Gamer der Altersklasse 50 plus. Die Gruppe der Spieler ab 60 Jahren ist sogar die, die am stärksten wächst. Gründe hierfür sind zum einen die demografische Entwicklung, da die Gamer, die mit Atari-Konsolen oder Commodore 64 aufgewachsen sind, heute über 50 Jahre alt und ihrem Hobby treu geblieben sind. Zum anderen haben Smartphones mit ihren leicht zugänglichen und intuitiven Spiele-Apps zu einem Boom bei Senioren geführt.“

Kreuzworträtseln

Die Zeiten haben sich also geändert. Ein Alltag ohne Games ist heute auch für immer mehr ältere Menschen nicht mehr denkbar. Besonders hoch im Kurs stehen digitale Umsetzungen analoger Spieleklassiker wie Skat, Puzzle, Kreuzworträtsel, Sudoku, Patience, Solitär, Schach oder Gedächtnistrainer. Oft verwandelt die Konsole mit Wii das Senioren- in ein digitales Keglerheim. Dank Wii klappt Bowling selbst im Sitzen.

„Doch auch Games mit therapeutischem Ziel, sogenannte Health Games, werden gerne genutzt. Sei es, um den Auswirkungen von Demenz oder Parkinson vorzubeugen, präventiv etwas gegen Thrombose zu tun oder in der Schmerztherapie unterstützt zu werden. Darüber hinaus zeigt das Beispiel der Silver Snipers, dass Senioren sogar Interesse an Action-Spielen haben.“ Und abgesehen von therapeutischen Zielen haben Video-Games auch den Charme der Geselligkeit, weiß Falk: „Games sind sowohl ein faszinierendes Unterhaltungsmedium als auch ein Lehrmittel oder Therapiebegleiter. Sie verbinden Menschen auf der ganzen Welt miteinander und helfen so, auch in Zeiten von Corona mit den Kontaktbeschränkungen sozial eingebunden zu bleiben. Darüber hinaus sind Games für viele Seniorinnen und Senioren ein Türöffner zur digitalen Welt. Der Reiz geht also weit über Zeitvertreib oder Gehirntraining hinaus. Sie sind ein wahrer Lebensbegleiter der Menschen.“

Bei Ego-Shootern oder Sportsimulationen sind Senioren eher zurückhaltend. Hier wird mehr die Lebenswelt der Jugendlichen angesprochen. Frauen spielen mehr Mah-Jongg oder lösen Kreuzworträtsel. Männer interessieren sich für Eishockey oder Fußballspiele.

Senioren zocken

Die Silver Gamer machen selbst vor einem eigenen Spiele- Kanal bei YouTube im Internet nicht halt. Youtube ist ein Videoportal mit vielen einzelnen Kanälen zu diversen Themen. Das „Programm“ kann abonniert werden, um keine Neuigkeiten zu verpassen. Einer der deutschen Kanäle heißt „Senioren zocken“ – und hat derzeit 563.000 Abonnenten. Sie verfolgen Monat für Monat, welche Games die „Granny-Gamer“ in ihren Filmchen (Clips) abhandeln. Am Anfang stand GTA, das Autospiel aus Los Angeles. Der Höhepunkt ist bisher der Hauptpreis beim Digital Award der Goldenen Kamera von Hörzu in der Kategorie „Best of Let‘s Play and Gaming“.

Enkel beeindrucken

Doch die virtuelle Spielerei macht nicht nur Laune: Plötzlich sind die betagten Herrschaften auf dem gleichen „Level“ (Spielebene) wie die jungen Hüpfer – und können mitreden. So findet sich etwa auf der „Seniorenzocken“-Seite eine Nachricht von Ketchup-Killer. Heute heißt das „Post“. Er schreibt: „Find’s mega cool, dass sich ältere Menschen mit jüngeren Menschen so auseinandersetzen können. Es ist echt cool zu sehen, wie die Senioren mit dem neuen Gaming konfrontiert werden. Sie meistern das echt gut. Sehr unterhaltsam – und macht weiter so. Bleibt gesund.“ Eine andere hat mit Älteren ein Spielteam gebildet und sich gegenseitig unterstützt: „Alt und Jung gehören zusammen ... diese Spiele zu verstehen ist auch nicht so easy. Bleibt gesund!“

Das ist gut gemeint und – auch wissenschaftlich nicht von der Hand zu weisen. In einem von der Barmer Ersatzkasse geförderten Modellprojekt gingen Forscher der Frage nach, ob und wie Videospiele die Ältren auch wirklich gesund bleiben und das Gehirn fit machen können. Das Gerät, mit dem Senioren die virtuelle Spielwelt besuchen können, heißt „Memorebox“. Mit diesem elektronischen „Zauberkasten“ sollen „die präventiven und gesundheitsfördernden Aspekte von Videospielen für Seniorinnen und Senioren“ untersucht werden. „Gespielt“ wurde in Deutschlands größtem Seniorenzentrum, im Hamburger Hospital zum Heiligen Geist. Geforscht wurde an der Humboldt-Universität Berlin. Geprüft wurde über eine Mini-Kamera über dem riesigen Bildschirm im Gemeinschaftsraum, die die Aktivitäten der Senioren in Millisekunden in das Computerspiel hineinrechnete.

Für den Barmer-Landesgeschäftsführer Frank Liedtke war das Spiel an der Box „mehr als nur Zeitvertreib“. „Damit gelinge es“, so Liedtke, „sowohl die Koordination, die Multitasking-Fähigkeit, das Reaktionsvermögen, die Kognition als auch die Lernfähigkeit und die körperliche Beweglichkeit von Heimbewohnern zu stärken. Dazu komme, dass die Kommunikation mit allen Beteiligten intensiviert und die Teilnahme am öffentlichen Heimleben zur Unterstützung der Lebensqualität aktiviert wird.“ Offenbar zeigten die Videospiele positive Konsequenzen: „Eine Stärkung der geistigen Leistungsfähigkeit, der Stand- und Gangsicherheit, der Motorik-, Ausdauer- und Koordinationsfähigkeit. Darüber hinaus konnten sowohl die soziale Einbindung, Interaktion und Kommunikation positiv gefördert werden als auch das subjektive Schmerzerleben, welches durch das regelmäßige Spielen verringert wurde. Die Videospiele machen Spaß, sind leicht durchzuführen und werden zum gemeinschaftlichen Erlebnis.“ 

Tanzen und Singen

Eine besonderes Vergnügen bietet die memorebox, wenn sie auf Tanzen und Singen eingestellt wird. Liedtke erläutert die damit gestützten bewegungs- und kognitiv therapeutischen Gesundheitstrainings: „In der Zielgruppe zeigte sich, dass Tanzen und Singen zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten gehören. Diese können sowohl positiv auf geistige Fähigkeiten wirken, als auch bewegungsfördend sein. Darüber hinaus könnte auch die soziale Teilhabe gesteigert werden und die psychosoziale Gesundheit positiv beeinflussen.“ Die für die neuen Spiele ausgewählten Musikstücke sind auf die Jahrgänge der Anwender abgestimmt (z. B. Volkslieder, Schlager aus den Dreißigern). Damit wird die Box zum Multitalent: Bewegung macht Spaß, fördert die Beweglichkeit und die Oldies der Dreißiger aktivieren die Erinnerungsarbeit bei von Demenz Betroffenen. „Seniorinnen und Senioren können durch Mitsingen, Schunkeln, Summen oder Klatschen aktiver Teil der Gruppe sein und das musikalische Erlebnis mitgestalten.“

Gedächtnis trainieren

Ilona Lamm begleitete die Videospiele im Hospital: „Ob sich in der Einstellung der Jüngeren etwas verändert hat, können wir nicht sagen. Aber generell finden es Angehörige natürlich gut, wenn Vater oder Mutter, Oma oder Opa regelmäßig spielen und dabei Spaß haben.“ Dabei finden die Älteren – anders als die Jungen – weniger Spaß an Spielen, bei denen es rummst und knallt. (Die Jugend nennt so etwas Shooter-Games. Die Bewohner des Hospitals fanden anderes gut. Die nutzen ‚Serious Games‘. Sie sollen Kopf und Körper fit machen. Lamm: „Bei uns gibt es eine Reihe von Bewegungsspielen, die von der Firma RetroBrain eigens für Senioren – auch für Menschen mit beginnender Demenz – entwickelt wurden. Dazu gehören Kegeln, als Briefträger Post mit dem Fahrrad verteilen, Tischtennis, Motorradfahren, Tanzen und Singen. Die Spiele werden meistens in der Gruppe gespielt, und das beliebteste Spiel ist nach wie vor das Kegeln.“

Bei diesen Spielen geht es zwar auch um Fitness im Gehirn und den Gliedern. „Doch im Vordergrund stehen für unsere Senioren der Spaß am gemeinsamen Spielen und der Kontakt zu anderen Mitspielern. Und sie können beispielsweise ihr früheres Hobby Kegeln auch im Alter auf leichtere Art ausüben. Dass dabei nachweislich die Beweglichkeit, die Koordination sowie kognitive Fähigkeiten trainiert werden, sind positive Nebeneffekte.“ Dabei haben Computerspiele einen großen Vorteil gegenüber dem realen Wettstreit etwa auf der Kegelbahn: Computerspiele können sich im Schwierigkeitsgrad den kranken Menschen anpassen. Es entsteht weniger Frust, das Gehirn wird passend angeregt. Das merken auch Forscher.

Spiele erforschen

So wird etwa am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf untersucht, ob das Postboten-Spiel bei einer Vorstufe der Demenz helfen kann. Wenn etwa Videospiele räumliche Navigation simulieren oder rasche Reaktionen aufrufen, kann sich das vorteilhaft auf den Hippocampus, einen Teil des Gehirns, auswirken. Der ist wichtig für die Gedächtnisfunktion und der Ort, an dem sich das Gehirn verjüngen kann. Im „Health Game“ mit Postbote Paulchen stehen Gleichgewicht, Feinmotorik oder Koordination auf dem Prüfstand. Die Senioren versetzten sich über den Monitor in die Rolle des radelnden Paulchens, um Briefe aus der Tasche zu ziehen, dabei im Straßenverkehr nicht ins Straucheln zu kommen und die Briefe zielgenau in einen Postkaten zu pfeffern. Der Schwierigkeitsgrad, also das Tempo, mit dem Paulchen Briefe verteilt, lässt sich steigern – ohne die Senioren in Gefahr zu bringen. Per Game sind Ältere offenbar spielerisch dazu zu bringen, mehr für die Gesundheit zu tun.

Digital altern

Ältere mögen es jedoch weniger als Junge, „nur so“ mit neuen Techniken umzugehen. Offenbar kommt mit dem Alter auch die Einsicht, dass manche Dinge ihre Lässigkeit verlieren und an Ernsthaftigkeit dazugewinnen. Dorothea Kerrutt, Leitung Kommunikation Haus im Park, Körber-Stiftung berichtet von der Themenwoche „Eingeloggt“ in Bergedorf, auf der Ältere sich mit digitalem Basteln, der Erstellung eines Trickfilms mit 3-D-Stiften oder Virtual Reality befassten: „Unsere Erfahrung zeigt, dass die Nutzung digitaler Medien einen Mehrwert für die älteren Generationen haben muss, um sich damit auseinanderzusetzen. Sei es der Online-Einkauf, der Kontakt mit der Familie über soziale Medien – oder Gaming. Wer analog gerne spielt, tut es auch digital gerne. Und wer dieses Hobby mit den Enkeln teilen kann, erhält doppelten Mehrwert. In jedem Fall kann das Thema Computerspiele nicht nur wegen des Spaßfaktors interessant sein, sondern auch als niedrigschwelliger Zugang zur Nutzung digitaler Tools dienen und Berührungsängste abbauen.“

Ob per Video-Zockerei oder im therapeutischen Spiel. Die digitale Welt öffnet sich auch Älteren, in guten und in schlechten Tagen, zum Spaß oder wenn’s ernst wird – und Videospiele gut für die Gesundheit sind. Vielleicht sind Gamer wirklich eher gefeit gegen Vergesslichkeit als die, für die Daddeln Dummtüch ist?     

Dr. H. Riedel © SeMa

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