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Deutsche Kurrentschrift und Sütterlin

Schwer zu lesen – aber keine Geheimschriften

Was heute WhatsApp, SMS oder Twitter-Nachrichten sind, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Postkarte. 1905 wurden im Deutschen Reich über 500 Millionen dieser bunten Kurzmitteilungen verschickt. Porto 5 Pfennige – umgerechnet heute ca. 45 Cent. Nicht nur die Zahl der verschickten Postkarten hat sich dramatisch reduziert. Insgesamt ist die Kommunikation mittels handschriftlicher Mitteilungen stark rückläufig. In Hamburg steht es den Grundschulen seit dem Schuljahr 2011/12 frei, ob sie Schreibschrift oder nur noch eine Druckschrift, die sogenannte Grundschrift unterrichten. Kritiker sehen darin den Anfang vom Ende der Schreibschrift überhaupt.
 

Gerichtliche Lanze für Sütterlin

Vor zehn Jahren  hat das Oberlandesgericht Celle für eine Schreibschrift eine Lanze gebrochen, von der die Behörden behaupteten, sie sei eine „unlesbare, unverständliche Geheimschrift“. Gemeint war damit Sütterlin, die seit 1915 in Preußen verbindliche Schreibschrift. Erfolgreich gegen Diskriminierung geklagt hatte ein Häftling, der weiterhin seiner Verlobten Briefe in Sütterlin schreiben wollte. Doch nicht nur Häftlingsbriefe bereiten bei denen, die sie gern lesen wollen, oft Kopfzerbrechen. In unzähligen Haushalten finden sich Dokumente, Tagebücher, Briefe und natürlich auch Postkarten aus der guten, alten Zeit. Immer weniger Familienmitglieder gibt es, die die Texte „übersetzen“ und in die 1953 entwickelte „lateinische Ausgangsschrift“ übertragen können. Dabei spielt keine Rolle, dass Sütterlin eigentlich eine noch junge Schrift ist, die die zuvor übliche „deutsche Kurrentschrift“ abgelöst hat und mit ihr gern in einen Topf geworfen wird. Das Wissen um die Schrift unserer Groß- und Urgroßeltern ist weitgehend geschwunden und damit die Möglichkeit, ihre handgeschriebenen Zeitzeichen zu lesen.

Übertragen, Texte gemeinsam lesen

Nicht ganz. In Hamburg gibt es gleich drei ehrenamtliche Initiativen, die mit einer Schar engagierter Seniorinnen und Senioren aus fast allen Berufsrichtungen alte Dokumente übertragen.  Da es sich häufig um sehr persönliche Unterlagen handelt, ist für alle „Schriftkundigen“ Vertraulichkeit selbstverständlich. Aus Deutschland und der ganzen Welt kommen in Hamburg Unterlagen an, die nicht nur für die Familien der Einsender, sondern auch für die Bewertung von historischen Zusammenhängen von Bedeutung sein können. Reiseberichte, Marinegeschichte, Auswandererberichte, Kirchengeschichte, Medizingeschichte, Rechtsgeschichte, Tagebücher und Familiengeschichten sowie amtliche Dokumente beginnen so, wieder zu sprechen. Sprechen über in Sütterlin verfasste Texte – das tut eine Gruppe im Seniorenzentrum St. Markus. „Wir treffen uns monatlich und freuen uns auf Mittäter“, lädt Magdalene Hanke-Basfeld, die Leiterin der Gruppe ein, „je nach Text ist es berührend, informativ oder heiter, was wir erfahren!“ Sogar mit einer benachbarten Schule hat es schon eine Kooperation in Sachen Sütterlin gegeben.

Vom „Führer“ verboten

Durch Martin Bormanns Erlass vom 3. Januar 1941 wurden zunächst nur die gebrochenen Druckschriften verboten. Mit einem zweiten Rundschreiben vom 1. September 1941 wurde auch die Verwendung der deutschen Schreibschriften untersagt. Damit war auch die bis dahin übliche deutsche Kurrentschrift sowie die erst in den 1920er Jahren eingeführte deutsche Sütterlinschrift verboten. Seit Beginn des Schuljahres 1941/42 durfte an den deutschen Schulen nur noch die sogenannte deutsche Normalschrift verwendet und gelehrt werden. Quelle: Wikipedia.de.

Wissen wollen, was da steht

So ist es nur natürlich, dass inzwischen die Mehrzahl der sich in Sütterlin-Stuben Tätigen die Schrift nicht in der Schule gelernt haben. Briefe, Urkunden und Tagebücher der Eltern lesen zu können war sehr oft die Motivation, sich mit Sütterlin zu beschäftigen und die Schrift zu erlernen. „Ich habe in unserer Gemeinde immer wieder entsprechende Kurse angeboten“, so Marlen Klotz von der ev.-luth. Kirchengemeinde Eilbek-Friedenskirche-Osterkirche. Kurse für Vereine, Geschichtswerkstätten, Ahnenforscher und Studenten sowie in der Volkshochschule bietet Ursula Eckelmann von der Langenhorner Sütterlinstube an.

Anmeldung und Beratung über die Sütterlinstube e.V. und für VHS-Kurse unter Tel. 428 85 32 55 oder vhs-verein@web.de. VHS-Zentrum Ost, Berner Heerweg 183, 22159 HH, statt. Kursnr.: 0191RVO01, 6 Termine, 12 UStd, Entgelt  65,–, Beginn Freitag, 08.11.19, 18-19.30 Uhr, Ende 13.12.19.     

F.J. Krause © SeMa