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Die Zitrone als Symbol des Südens

„Schöne Zitron und Appelsina, so söt as mien Trina!“ Mit solch volkstümlichen Slogans in plattdeutscher Tonart haben schon um 1800 die Ausrufer auf dem Hamburger Hopfenmarkt lauthals ihre Südfrüchte verhökert. Wie süß (söt) oder wie sauer (sur) des Händlers Braut am Markttag tatsächlich gestimmt war, erfuhren die Kunden nicht. Aber: „Sauer macht lustig“, das war schon damals bekannt.

Eine gute Ehe und eine perfekte Zitrone haben ein gewisses Etwas gemeinsam: Mit genügend Vitaminen und direkter Ansprache gelingt das harmonische Gleichgewicht. Wahre Begeisterung vermag jedenfalls selbst eine handverlesene Bio-Zitrone von den Steilhängen der Amalfi-Küste südlich von Neapel bei Eismacher, Barkeeper und Köchin erst dann auszulösen, wenn in ihr Süße und Säure optimal austariert sind. Dann schmeckt die Zitrone so unwiderstehlich wie keine andere Paradiesfrucht.

Die so intensiv duftende und ungeheuer vielseitige Zitrone wurde – neben all ihren praktischen Verwendungszwecken als Küchenhelfer, Duftspender, Vitaminbombe und Badezusatz – jedoch auch zum populären Symbol: Sie steht für das Leben und die grob 2000-Jährige, seit 250 Jahren auch schwer romantische Sehnsucht der Germanen nach Italien und dem tiefen Süden Europas.

„Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn,/ Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn, /Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht ...?“ Was Johann Wolfgang von Goethe als „Lied der Mignon“ (in „Wilhelms Meisters Lehrjahre“, 1795) erdichtete, blieb für lange Zeit der Inbegriff deutscher Italien-Liebe. Als deutsche Dichter, Maler und andere Liebhaber zu Fuß oder mit Postkutschen gen Rom, Neapel oder gleich bis Sizilien pilgerten, wollten sie dem in der Aufklärung verlorenen Paradies wieder näherkommen. Die „Kavaliersreise“ der Barockzeit und später die „Grand Tour“ nach englischem Vorbild sollte den Horizont der jungen Adligen und Bürgersöhne erweitern helfen; und ein bisschen lockte ja auch das Abenteuer, der Eros.

Der Weg über die Alpen war zwar sehr beschwerlich, doch das änderte sich bald. Die erste Eisenbahn durch den Gotthardtunnel verkürzte die Strapazen, auch Schiffsreisen führten an südliche Gestade. Im 19. Jahrhundert entstanden zwischen Gardasee und Taormina, an Adria und Riviera die ersten luxuriösen Grandhotels, in denen wohlhabende Touristen ihre Sommerfrische verbringen konnten – solo, verliebt oder verheiratet. Von Generation zu Generation zog es sonnenhungrige Nordmenschen immer wieder dorthin, wo die klassische Schönheit der Antike bestaunt, später vorrangig eine Art Dolce Vita erhofft wurde, am liebsten mit Gina, Claudia oder Sophia in Reichweite.

Aus Sehnsucht wurde Kitsch. Die Freunde der großen italienischen Oper machten denen Platz, die lieber Italo-Schlager hörten. Rudi Schuricke besang die Capri-Fischer, ließ die rote Sonne schunkelnd im Meer versinken. Und ja, ja der Chianti-Wein, der lud sie alle ein ... Schon Anfang der 1950er Jahre gaben die ersten Gewinner des westdeutschen „Wirtschaftswunders“ ihr Urlaubsgeld am liebsten im von Mussolini befreiten Italien aus, quälten sich mit kochendem Kühler über den Brennerpass. Die Strände von Rimini wurden zum Teutonengrill.

Die ersten Gelaterias und Pizzerien eröffneten auch nördlich von München. Ab den 1980er Jahren entdeckte dann eine hedonistische Elite aus links-grünen Akademikern die  Toskana für sich, kaufte Villen, teure Weine und Olivenöle, und hörte im Cabrio am liebsten Paolo Conte und Gianna Nannini. Nach 1990 fuhren dann auch noch die vom DDR-Reiseverbot befreiten Sachsen wie im Film „Go, Trabi, go!“ zum Camping an den Gardasee. Die Italiener als Gastgeber haben schon so ziemlich alles erlebt, was Deutsche im Süden so veranstalten.  

Doch zurück zur Zitrone. Auch wenn die ersten süßsauren Zitrusfrüchte wohl in den subtropischen Breiten Südostasiens wuchsen, kamen erste Züchtungen schon vor Christi Geburt in den Nahen Osten. Juden wie Römern waren die Pomeranzen wohlbekannt, sie nutzten sie in ihren Bädern bei rituellen Festen. Die arabischen Eroberer begründeten die Kultur der Zitrusfrüchte vor 1000 Jahren auch auf Sizilien und in Andalusien. An den europäischen Fürstenhöfen der Barockzeit gehörten die Orangerien zu den wichtigsten Zeugnissen von Pracht und Macht.

Der bis zu sechs Meter hohe Zitronenbaum ist eine der üppigsten Zierden mediterraner Gärten, ein Wunder der Natur: Im dunkelgrünen Laub hängen gleichzeitig zarte weiße Blüten neben hellgrünen unreifen sowie reifen Zitronen, die hellgelb leuchten. Ihr kommerzieller Anbau begann erst im 19. Jahrhundert. Spanien, Italien und die Türkei sind in Europa die größten Produzenten.

Citrus limonum gibt als einstige Luxusfrucht in den Küchen der Welt schon seit Jahrhunderten den Ton an, von Florenz bis San Francisco. Lorenza de’ Medici lobte die Performance der vielseitigen Diva bereits 1999 in ihrem „Paradies der Früchte“: „Meiner Meinung nach gibt es für die Küche keine nützlichere Frucht als die Zitrone: Ihre Schale enthält aromatische ätherische Öle, die, entweder fein gerieben oder in Streifen geschnitten, unzähligen Zwecken dient. Aus dem Saft lassen sich erfrischende Getränke herstellen, und außerdem hebt das Aroma der Zitrone gleichzeitig das Aroma anderer Nahrungsmittel hervor ...“

Wir gönnen allen Eismacher-Familien, die jetzt zwischen Palermo und Pinneberg wieder ihre fruchtig-bunten Kreationen in Waffeln und Becher zaubern, ihren Umsatz nach so langer Flaute. Doch selbst das beste Eis – aus frischen Zutaten der Saison! – kühlt erhitzte Körper nur vorübergehend. An heißen Sommertagen kann den großen Durst nichts besser stillen als eine echte, pure Limonade – mit dem Saft von zwei Zitronen, mit 1,5 Liter Wasser und Eiswürfeln, mit Minzblatt, aber eben ganz ohne Zucker! Dazu passt dann allerdings gut Paolo Contes bittersüße Ballade über das „Gelato al limon“. Dieses melancholische Musiker-Genie aus dem Piemont komponierte vor einem halben Jahrhundert übrigens auch Adriano Celentanos unsterbliche Italo-Hymne „Azurro“.

Selbst wenn wir dieses Jahr ausnahmsweise nicht im tiefen Süden, im Schatten der Zitronenbäume weilen können, schließen wir zu dieser Musik einfach die Augen – und fühlen uns so mediterran und tiefenentspannt, wie man das zwischen Elbestrand und Waterkant nur sein kann. Zum Dolce Vita fehlt uns höchstens noch ein Limoncello, aber bitte eisgekühlt!

 

Stephan Clauss © SeMa

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