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Anatevka bei den Schlossfestspielen

Heitere Schwermut vor romantischer Kulisse

Der Zyklus „Tewje der Milchiker“ von Scholem Alejchem lieferte die literarische Vorlag des Musicals. Die in jiddischer Sprache abgefassten Texte entstanden zwischen 1895 und 1916 und sind in Teilen autobiografisch. In der amerikanischen Ursprungsversion hieß „Anatevka“, der Musical-Welterfolg, „Fiddler on the roof“. Denn nach der Vorstellung des Milchmanns Tevje ist das Zusammenleben der Juden im Schtetl

Anatevka ohne Beachtung der Tradition sinnlos. So sinnlos wie ein Geiger auf dem Dach. Auch der russische, jüdische Maler Marc Chagall hat Geigen und Geiger in etliche seiner Bilder eingeflochten. Alejchems Geiger und Chagalls Szenen aus seinem Heimatort Witebsk gehören heute zum imaginären Inventar der verschwundenen jüdischen Welt Osteuropas.

Die Handlung

Im Schtetl Anatevka (Städtchen mit großem jüdischem Bevölkerungsanteil) im Zarenreich vor der Revolution 1905 lebt der Milchmann Tevje arm, aber zufrieden mit Frau und Töchtern. Die halten wenig davon, dass Vater und Heiratsvermittler über ihre Zukunft entscheiden. Tevje schwankt zwischen der Liebe zu seinen Mädchen und den Vorgaben der Tradition. Dass für die jungen Leute „Liebe“ zum Partner wichtig ist, lässt ihn seine eigene „vermittelte“ Ehe hinterfragen. War da Liebe im Spiel? Im Kern ist die Handlung eine Parabel über Nutzen und Grenzen von Tradition in einer sich rasant verändernden Welt. Es geht um Liebe, um Vertreibung und um Überlebensmut. Der Milchmann Tevje, die Hauptfigur, meistert die Wirren des Lebens und der Verfolgung mit geschicktem Lavieren und göttlichem Zuspruch. Gibt es Probleme, hält Tevje wie Don Camillo Zwiesprache mit Gott. Im Gespräch mit ihm geht es um die aufmüpfigen Töchter, seine Ehefrau und immer wieder um das Geld, das er nicht hat. „Wenn ich einmal reich wär …“, sinniert Tevje. Anatevka, die kleine jüdische Siedlung, wird zum Synonym für ein Leben in Harmonie, bis ein Pogrom der zaristischen Polizei dem ein Ende setzt. Die Bewohner fliehen. Viele, wie auch der Autor Scholem Alejchem, in die USA. Als er dort 1917 starb, hieß es in einem Nachruf „Scholem-Alejchem war vielleicht der einzige jüdische Dichter, dem der Geist der Schwere nichts anhaben konnte, denn er hatte die Gabe, alles Schwere leicht zu machen. Das schwerste Leben der Welt, das jüdische Wanderleben, wird in seiner Hand zu einer Reihe von Überraschungen und Abenteuern.“

Von New York nach Schwerin

Der „Fiddler on the roof“ war es, der dem Musical bei seiner Erstaufführung am 22. September 1964 im Imperial Theatre am Broadway den Namen gab. In acht Jahren „verbrauchte“ die Produktion als erstes Broadway-Musical sieben Hauptdarsteller und brachte es auf 3.242 Vorstellungen. Die erste Aufführung in Europa erlebten die Niederländer 21. Dezember 1966. Die Deutschland-Premiere mit dem israelischen Sänger und Schauspieler Shmuel Rodensky wurde 1. Februar 1968 im Hamburger Operettenhaus begeistert gefeiert. Im Jahr darauf war es in Paris der Deutsche Hans Rolf Rippert, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Ivan Rebroff, der mit über 1.400 Vorstellungen Triumpfe feierte. Zwischen 2011 bis 2014 stand „Anatevka“, nun im St. Pauli Theater in Hamburg erneut auf dem Spielplan. Unter der Regie von Ulrich Waller verkörperte Gustav Peter Wöhler an der Reeperbahn den Milchmann Tevje. Nun steht der Allroundkünstler im Wechsel mit Ansgar Schäfer in dieser Rolle auf der Bühne am Märchenschloss der Mecklenburgischen Hauptstadt.

Drei Fragen an den Milchmann

SeMa: Herr Wöhler, Film, Fernsehen, eher intime Bühnen wie im St. Pauli Theater oder mit eigener Band im großen Saal der Elbphilharmonie – Open Air  vor dem Wormser Dom und nun in Schwerin. Was sind die besonderen Herausforderungen, wenn das schützende Dach fehlt?

Nun, da sind zum einen die Witterungsbedingungen, es kann schon mal nass werden bei einem Regenguss, und dann sind auch die akustischen Verhältnisse zu beachten, aber heutzutage ist die Tontechnik so weit fortgeschritten, dass es kaum Probleme gibt.
Für mich als Schauspieler bedeutet es, noch einmal zuzulegen, um auch in den hinteren Reihen anzukommen, nicht nur akustisch.

SeMa: Mit durchschnittlich 61,7 Jahren gingen die Deutschen 2018 in Rente. Den Termin haben sie verstreichen lassen. Wie ist Ihre Lebensplanung – Johannes Heesters oder Ruhestand mit 65 Jahren und zehn Monaten, wie für Ihren Jahrgang vorgesehen?

Ach, wissen Sie, ich fühle mich zur Rente noch nicht berufen, auch wenn meine Knie hin und wieder Aua schreien. Mir macht mein Beruf immer noch sehr viel Spaß, und wenn ich weiterhin den Menschen damit Freude bereiten kann, höre ich noch nicht auf. Allerdings nehme ich mir Herrn Heesters nicht als Vorbild!

SeMa: In seinen Gesprächen mit Gott versucht Tevje den Schöpfer letztlich in seinem Sinn zu manipulieren. Mogelt er sich die Welt damit schön? Wie ist Ihre Sicht?

Nein, er mogelt es sich nicht schön, es ist seine Demut vor dem Leben, das Gott ihm geschenkt hat, mit allen guten und schlechten Seiten. Natürlich würde er sich ein besseres Leben wünschen, doch wenn es nun mal Gottes Wille ist … Das muss jedoch nicht heißen, dass er sich alles gefallen lässt. Er weiß, dass Gott ihm zur Seite steht, wenn er sich gegen Ungerechtigkeiten wehren muss.

Schlossfestspiele Schwerin

vom 21. Juni bis zum 20. Juli. Für Senioren ab 65 Jahren bieten die Schlossfestspiele an nachstehenden Tagen Sonderkonditionen: 30. Juni sowie am 4., 10. und 14. Juli. Während alle Karten im Internet (www.schlossfestspiele-schwerin.de) gebucht werden können, sind diese Konditionen nur telefonisch unter 0385 / 5300 123 oder per Mail (kasse@mecklenburgisches-staatstheater.de) buchbar. Im Schlossinnenhof bieten die Festspiele das Schauspiel „Cyrano de Bergerac“. Auch hier gibt es an den genannten Tagen die Senioren-Sonderkonditionen. Wer beides erleben möchte, kann vergünstigte Kombikarten buchen.

F.J. Krause © SeMa