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„Ganz schön kess“

Barmbekerin Edith Stampe hat ein paar ihrer Lebensgeschichten aufgeschrieben!
Kinderlandverschickung, Pflichtjahr oder Lehrstellensuche ... – Die Hamburgerin Edith Stampe hat viele Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Und sie hat sie aufgeschrieben. Auch wenn die heute 91-Jährige durch den Krieg und die Nachkriegszeit geprägt ist und sehr viele Entbehrungen erlebt hat, hat sie ihren Humor nicht verloren. Ihre Liebe zu Ungarn übrigens auch nicht.

Fröhlich und engagiert:
Edith Stampe, Jahrgang 1930, hat viel zu erzählen und ein paar ihrer Erinnerungen aufgeschrieben.

Foto: QplusAlter/Petra Rau

Edith Stampe ist eine bemerkenswerte Frau. Gern geschrieben hat die gelernte Versicherungskauffrau schon zu Schulzeiten. „Immer wenn was los war, habe ich mir Notizen gemacht und später kleine Texte geschrieben“, so die Barmbekerin, die 1930 in Altona geboren ist. Als Schülerin landete sie mit der Kinderlandverschickung in Siebenbürgen, heute Rumänien. Dort verlebte sie – trotz der Zeiten – eine überwiegend gute Zeit. Die Lehrstellensuche gestaltete die – wie die Kollegen damals über sie sagten „kesse junge Frau“ – auf ihre eigene Art – und hatte Erfolg. Auch mit durchgelatschen Schuhen und Nagel in der Sohle wanderte sie in den Karpaten. Wenn sie sich daran erinnert, tun ihr heute noch die Füße weh ... laufen kann die lange sportliche Frau heute nicht mehr so gut, aber erzählen klappt immer noch bestens, und so freut sie sich, wenn ihr jemand zuhört.

Einer dieser Menschen, die Edith Stampe gern zuhören, ist Petra Rau, Lotsin bei der Sozialrauminitiative QplusAlter. (Das Senioren Magazin Hamburg berichtete: https://senioren-magazin-hamburg.de/archiv/qplus-neues-projekt-lotsinnen-unterstutzen-seniorinnen)
Sie hat neben einem offenen Ohr für Senioren auch die Qualifikation, älteren Menschen zu helfen, möglichst lange selbstständig zu Hause leben zu können. Dabei geht es eher um die Hilfe zur Selbsthilfe als um die Übernahme von Botengängen oder dergleichen. Unterstützt hat sie ihre Klientin Edith Stampe darin, dass ihre Geschichten eine größere Leserschaft finden. Das Ergebnis liegt vor Ihnen, einige von Edith Stampes Geschichten wollen wir Ihnen hier vorstellen.   

Mit der Klasse zur Kinderlandverschickung in Siebenbürgen, Rumänien: Vor dem Bombenhagel flüchtend, landete die damals 12-jährige Edith bei einer Gastfamilie. Endlich gab es wieder genug zu essen.

Foto: privat

Kinderlandverschickung (Mai – Oktober 1942)

Während der Nazizeit gab es für ganze Klassen die Kinderland-verschickung, damit wir nicht immer unter dem Bombenhagel waren. Ich wollte so gerne mit nach Ungarn, aber ich musste viele Hindernisse überwinden.

Mein Vater war Kommunist und Widerstandskämpfer, das hat ihm drei Jahre KZ (Konzentrationslager) eingebracht, und seine Tochter wollte in die Kinderlandverschickung.
Aber es war traumhaft, wir kannten ja gar kein Verreisen, und dann ins Ausland ... es war ja zu verlockend. Zuerst hörte ich nur: „Die Uniform kommt mir nicht ins Haus“, meine einzige Erwiderung war, Vati, du brauchst es nicht zu bezahlen!

Nach vielen Kämpfen durfte ich dann doch mit. Zuerst waren wir in einem Lager untergebracht, mit fünf Mädchen in einem Zimmer. Das Essen schmeckte zwar, aber für uns Ausgehungerte war es einfach zu wenig.

Eines Tages machten wir mit dem Küchenpersonal ein Picknick und eine Wanderung durch die Karpaten. Unsere Schuhe waren nach drei Jahren Krieg nicht das Wahre, wenn ich darüber nachdenke, dass ich einen Nagel im Schuh hatte, dann tut es mir heute noch weh. Jeden Tag mussten wir zum Appell antreten, da wurde die Flagge gehisst und abends saßen wir im Kreis und sangen schöne Lieder z. B. „Kein schöner Land in dieser Zeit“.

Dann brach Scharlach im Lager aus, und nach der Quarantäne kamen wir nach Szasregen, in der Nähe von Kronstadt, zu Pflegeeltern. Dort blieben wir dann bis Oktober 1942. Es war eine traumhafte Zeit.

Die Pflegeeltern waren Deutsche, deren Vorfahren vor 800 Jahren eingewandert waren. Meine kleine Pflegeschwester sprach deutsch, ungarisch, rumänisch und den Siebenbürger Dialekt. In der Familie gab es gutes Essen, da hatten wir keine Probleme mit dem Hunger.
Der Pflegevater war Architekt, und die Pflegemutter kümmerte sich um ihre drei Kinder. Sie machte wunderschöne Handarbeiten und hatte auch einen Webstuhl, an dem sie ihre Teppiche selbst webte. Die Pflegemutter brachte mir im Fluss Mieresch das Schwimmen bei, danach machte ich für das Jungmädelleistungsabzeichen meinen Freischwimmer.

Es war immer heiß in Siebenbürgen, und die Mücken haben mich so gepiesackt, da hat meine Pflegemutter mir den schieren Essig über den Rücken gegossen, das half. Eines Tages hatten wir wieder Appell, und ich wurde aufgerufen. Da stand ich dann als 12-jähriges Mädchen, und man sagte mir: „Nimm’ die Ohrringe raus, ein deutsches Mädchen trägt keine Ohrringe!“ Ja, das war die andere Seite der Kinderlandverschickung. Nachher sind mir logischerweise die Ohrlöcher wieder zugewachsen.

Die Siebenbürger Sachsen waren ein fleißiges Volk und wie schon erwähnt – war Siebenbürgen seit 800 Jahren ihre Heimat. Nach dem Krieg sind die Pflegeeltern an den Attersee/Österreich geflohen und dort sesshaft geworden. Ich habe sie dann durch das Deutsche Rote Kreuz suchen lassen und auch gefunden.

Ich möchte dieses halbe Jahr in meinem Leben nicht missen. Was haben wir alles an Sitten und Gebräuchen kennengelernt, wir hatten aber auch eine sehr gute Lehrerin. Seit dieser Zeit bin ich ein Ungarn-Fan und bin 1986 und 1997 mit meinem Mann in Ungarn gewesen. Die Ungarn sind auch ein liebenswertes und gastfreundliches Volk, und darum würde ich gerne mal wieder hinfahren.

Das Pflichtjahr (1944)

Bevor man eine Lehre antreten konnte, wenn man überhaupt eine bekam, musste man nach der Schulentlassung das sogenannte Pflichtjahr absolvieren. Mein Vater meinte, da er Mecklenburger war, auf dem Lande, das wäre das Richtige für mich. Seine Schwester besorgte mir dann eine Stelle in Meyenburg/Ost-Prignitz auf einem kleineren Bauernhof.
Mein Zimmer war klein und kalt, ich war 14 Jahre alt und kannte solche Arbeiten auf dem Bauernhof gar nicht. Meine Mutter brachte mich dort hin und wurde als Erstes gefragt, ob der französische Fremdarbeiter bei uns mit am Tisch sitzen durfte. – Das mussten die Bauersleute fragen. Meine Mutter antwortete: „Natürlich darf er das.“ Dann kam später noch eine Arbeitsmaid hinzu, die wollte das nicht. Dann hat der Mann alleine an der Kommode gesessen, um zu essen. Das konnte er gar nicht, und dann hat er geweint. Er kam aus Lyon und hatte Frau und Sohn in der Heimat. Die Bauersleute konnten es aber nicht ändern, denn sonst hätte die Arbeitsmaid sie angezeigt. So waren damals die Zeiten! Ich denke, heute kann das keiner mehr nachvollziehen.

Ich musste morgens um 5.00 Uhr aufstehen, dann musste ich für die Schweine Kartoffeln kochen. Danach musste ich die Gänse und Schafe auf die Weide bringen. Einmal hauten mir die Gänse ab in den Graben. Was sollte ich tun? Zuerst habe ich dann die Schafe ins Gatter gebracht, dann habe ich Schuhe und Strümpfe ausgezogen und bin hinter den Gänsen hergewesen, um sie wieder aus dem Graben zu bekommen. Am wohlsten fühlte ich mich, wenn ich mit dem Bauern, der zu Hause nicht viel zu sagen hatte, aufs Feld fahren konnte, um Dung zu streuen. Das Schönste war dann die Pause, und ich setzte mich mit dem Bauern und es gab ein Schinkenbrot – 1944 eine einmalige Delikatesse, denn Hunger hatten wir immer, dazu gab es aus dem Kaffeetank (das war eine Blechbüchse) einen Schluck Kaffeeersatz.

Ach ja, und dann das Melken, ehe ich das intus hatte, das hat gedauert. Irgendwann war der Eimer dann doch voll, und der Schwanz der Kuh kam mit voller Wucht und die Hälfte Milch landete im Stroh. Da die Bauersfrau aber ein „Raubtier“ war, habe ich es nicht gesagt, aber sie schimpfte und wunderte sich natürlich, weil das Quantum, welches sie abliefern musste, nicht stimmte. Sie musste ja eine bestimmte Menge abgeben. André (der Franzose), mit dem ich mich gut vertrug, und der ja nicht wusste, dass das Pflichtjahr – wie schon das Wort sagt – Pflicht war, sagte dann zu mir, wenn Madam bub-bub du zurück Hamburg. Ja, wenn das so leicht gewesen wäre.

Abends fiel ich um 22.00 Uhr tot um und ins Bett. Ich konnte nicht mal meine Schuhe zum Schuster bringen, nie hatte ich Zeit für mich. Die Bauersfrau machte dann einen Fehler: Sie ließ mich Pfingsten nach Hause fahren, und ich sagte zu meiner Mutter, gehe bitte mit mir zum Arbeitsamt, damit ich was anderes finde, da gehe ich nicht wieder hin.
Wider Erwarten klappte es, und mein Vater fuhr mit mir hin, um meine Sachen zu holen. Sie wurden einfach auf den Hof geschmissen, und wir fuhren denselben Tag nach Hause, wo unser Zug bei Schwerin von Tieffliegern angegriffen wurde. Den Rest des Pflichtjahres habe ich dann bei einer Familie mit drei Kindern im Steenkamp gemacht, da ging ich morgens hin, und abends konnte ich wieder nach Hause gehen.     

(Edith Stampe)  Corinna Chateaubourg © SeMa

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