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Hilfe für Helfer

Häusliche Pflege – die idealisierte Knochenarbeit

Pflegen-und-leben-Beraterinnen 2020: Hilfe online. Jung, kompetent und
mit viel Empathie – die Beraterinnen von pflegen-und-leben.de

Foto © pflegen-und-leben.de

„Nach „lieben“ ist „helfen“ das schönste Zeitwort der Welt“, urteilte Bertha von Suttner (1843–1914), die streitbare Pazi- fistin und Trägerin des Friedensnobelpreises 1905. Schon vor mehr als 100 Jahren war das Helfen in. Hilfsbedürftigen zur Seite zu stehen ist aber weit mehr als ein schönes Wort. Es ist oft harte Arbeit, die vom Idealisieren nicht leichter wird.

Nicht Teil der Lebensplanung

Menschen, die daheim Pflegearbeit leisten, sind der Liebe gefolgt, wenn sie ihren Partner, Mutter oder Vater pflegen. Den Partner, den liebsten Menschen, mit dem zu Beginn der Liebe über viele Jahre und Jahrzehnte hinaus vieles realisiert und geplant wurde. In den seltensten Fällen dürfte eine der schwersten denkbaren Aufgaben, die Pflege des anderen, mit eingeplant worden sein. Dennoch ist die häusliche Pflege eine der häufigsten Herausforderungen im Alter. Auch dann, wenn sie in der gemeinsamen Lebensplanung nicht vorgesehen war. Denn von den rund 63.000 pflegebedürftigen Hamburgern werden drei Viertel – somit mehr als ganz Pinneberg Einwohner hat, in den eigenen vier Wänden gepflegt. Nach Informationen der Techniker Krankenkasse erbringen professionelle Pflegedienste nur 56 % der Pflegearbeit – die restlichen 44% werden von Angehörigen, weit überwiegend Frauen, erbracht. Pflegende Angehörige sind nur in den seltensten Fällen körperlich oder mental auf diesen Dienst vorbereitet. Deshalb bietet die Techniker Krankenkasse den TK-PflegeCoach an. Er ist ein kompletter, kostenloser Online-Pflegekurs. Dabei werden die wichtigsten Fähigkeiten der häuslichen Pflege in Videos, Fotos, fachlichen Texten und Erfahrungsberichten vermittelt. (https://www.tkpflegecoach.de)

Aber auch die Techniker Krankenkasse weiß, dass „online“ nicht jedes Problem löst; dass der Mensch darauf ausgelegt ist, sich mit anderen Menschen auszutauschen. Das gilt in ganz besonderem Maße dann, wenn Pflege zur psychischen Belastung wird. Wer glaubt, Burnout bekommen nur Top-Manager, liegt damit völlig falsch. Auch pflegende Angehörige stehen häufig unter enormem Stress und innerem Druck. Dies zeigen auch die Ergebnisse des Pflegereports 2018, den die Krankenkasse Barmer gemeinsam mit der Universität Bremen erstellt hat. Demnach leidet knapp die Hälfte der Hauptpflegepersonen unter psychischen Störungen. Vor allem herrscht ein erhöhtes Risiko, an Depressionen zu erkranken. Wird hier nicht die Notbremse gezogen, dann besteht ernsthafte Gefahr. Für den gepflegten Angehörigen wie auch für den Pflegenden.

Der Rat vom Präsidenten

Im Zusammenhang mit der Amtseinführung des neuen, 46. US-Präsidenten Joe Biden wurde immer wieder einer seiner Vorgänger, Abraham Lincoln (1809–1865) der 16. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, zitiert. Von ihm stammt der Satz „Ihr könnt den Menschen nie auf Dauer helfen, wenn Ihr für sie tut, was sie selber für sich tun sollten und könnten.“ Dieser Gedanke muss Leitspruch jeder Pflege sein – denn er wahrt nicht nur dem Pflegebedürftigen größtmöglichen Raum für Selbstbestätigung; er erinnert auch den Pflegenden daran, mit den eigenen Kräften hauszuhalten. Das gilt für die körperlichen- und in noch weit größerem Rahmen für die psychischen Kräfte. Sich einzugestehen, hier Grenzen erreicht oder gar überschritten zu haben, ist der erste Schritt in die Richtung, sich professionelle Hilfe zu holen.

Dr. Frank Jürgensen: Hilfe face to face. Dr. Frank Jürgensen und sein Team stehen in Hamburg zur Verfügung. Ganz ohne Computer.

Foto © Asklepios

Wo Helfern geholfen wird

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, seien hier exemplarisch zwei psychologische Angebote vorgestellt, die beide professionelle Hilfe anbieten: Angehörigen Ambulanz in der Asklepios Klinik in Hamburg angehoerigenambulanz.nord@asklepios.com

Angehörige, die häusliche Pflege leisten, sind über einen längeren Zeitraum stark belastet. Mit der Pflege eines geliebten Angehörigen an sich, mit den psychischen Folgen einer Pflegeleistung oder schlicht mit der Begleitung eines  unterstützungsbedürftigen Nahestehenden. „Sobald ein Angehöriger sich fragt, ob er eventuell professionelle Hilfe benötigt, sollte er sich direkt an uns oder den Hausarzt wenden“, sagt Dr. med. Frank Jürgensen, Leiter der von der Asklepios Klinik Nord initiierten Angehörigen Ambulanz und Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Ähnlich wie in einem Diagnosegespräch beim Facharzt für Herzmedizin klären die Mitarbeiter der Angehörigen Ambulanz mit dem Angehörigen die Symptome und besprechen einen möglichen  Therapieplan. Die Therapieangebote sind dabei vielfältig und werden von Mitarbeitern verschiedenster Fachdisziplinen ganz nach Bedarf durchgeführt. „Was uns von einer gut geführten Selbsthilfegruppe unterscheidet“, so Dr. Jürgensen, „ist, dass wir konkrete Hilfsangebote machen und Verhaltensmuster einüben, die dem Angehörigen in erlebten Situationen während der Pflege helfen. Angehörige lernen, sich auf das zu fokussieren, was sie selbst beeinflussen können und lernen andererseits, das Unveränderliche zu akzeptieren. Der Angehörige programmiert seine Haltung aktiv um – zum eigenen Wohl und zum Wohl des Erkrankten/Gepflegten.“  

Jürgensen betont weiter, dass es keine Rolle spiele, welche Symptome konkret als Folge der erhöhten Belastung auftreten, da die Angehörigen Ambulanz mit den Belasteten an der Ursache arbeite. Besserungen können schon binnen weniger Termine eintreten oder einen längeren Zeitraum in Anspruch nehmen, damit Angehörige danach wieder gestärkt neu den Alltag meistern.

Belastete Angehörige profitieren von dem neuen und innovativen Angebot, das zugleich fundiert auf wissenschaftlichen Methoden fußt, zunächst im Einzugsgebiet der Asklepios Klinik Nord. Eine Erweiterung nach Altona und St. Georg ist im nächsten Schritt geplant. Wer in der Angehörigen Ambulanz Hilfe sucht, kann dies über den Hausarzt tun, der dann vermittelt oder er/sie meldet sich selbst per E-Mail unter angehoerigenambulanz.nord@asklepios.com oder telefonisch unter 040-18 18 87-45 65, um einen Termin zu vereinbaren. Auch jetzt in der Coronazeit sind Termine möglich.

Online-Beratung psychologische Unterstützung für pflegende Angehörige www.pflegen-und-leben.de

Diese Online-Beratung wird von der Hilfsorganisation „Zentrum Überleben“ getragen und steht allen Angehörigen, die gesetzlich versichert sind, offen. Dass mit der Barmer, der Techniker, der DAK und der hkk gleich vier große Krankenkassen hinter dem Projekt stehen, zeigt, wie wichtig den dortigen Entscheidungsträgern das Angebot ist. Dass es auch erfolgreich ist, hat eine umfangreiche wissenschaftliche Studie ergeben. Das Besondere bei www.pflegen-und-leben.de  ist die Online-Beratung. Sie erfolgt anonym, kostenfrei und datensicher. Über das gemeinnützige Beratungsportal landen die Fragen und Sorgen direkt bei einem mit der Gesamtproblematik der Pflege vertrautem Psychologinnen-Team. Dort wird die Anfrage gelesen, und pflegende Angehörige erhalten innerhalb von einer Woche eine Antwort vom Beraterinnen-Team. Im Anschluss bietet sich die Gelegenheit zum individuellen Austausch. Gemeinsam erfolgt die Suche nach maßgeschneiderten Wegen, die helfen können, seelischen Druck aus dem Pflegealltag zu nehmen. Die Beratung ist über einen Zeitraum eines halben Jahres mit schriftlichem aber auch audiovisuellem Kontakt möglich.
Manchmal hilft es schon, einem Außenstehenden die unangenehmen, quälenden Gedanken und unguten Gefühle einfach nur mitzuteilen. Es kann sehr erleichternd sein, belastende Dinge aufzuschreiben, die man nicht aussprechen mag. Für Pflegende, die lieber sprechen als schreiben – auch Video-Chat ist möglich. Wer direkt und anonym mit einer der Psychologinnen sprechen möchte, vereinbart einen individuellen Termin zum datengeschützten Video-Chat mit einer Beraterin. Der verwendete Computer benötigt dafür lediglich einen aktuellen Internetbrowser sowie ein Mikrofon und eine Kamera. Die Kamera kann beim Chat auch ausgestellt werden. Die Internetseite www.pflegen-und-leben.de bietet auch für Computer-Anfänger ausreichend Hilfestellung, um „online“ Informationen und Hilfe zu erlangen.

Analog oder digital – immer vertraulich

Beide Angebote sind selbstverständlich vertraulich und zudem kostenlos oder werden von den Krankenkassen übernommen. Wer in Präsenzphasen an der Behebung der Ursachen seiner Belastung arbeiten möchte, findet bei der Angehörigen Ambulanz kompetente Hilfestellung. Wer es lieber per Mail, „online“ oder im Chat mag, ist auch mit dem Computer gut aufgehoben. Dessen Vorteil ist möglicherweise, dass die schriftliche Formulierung eines Anliegens oder einer Belastung an sich schon eine Hilfe sein kann. Darüber hinaus müssen die eigenen vier Wände nicht verlassen werden; die Mail kann zu jeder Tages- und Nachtzeit geschrieben werden. Auch der Erstkontakt mit der Angehörigen Ambulanz ist natürlich per Mail möglich. Das wichtigste Ziel ist es, gemeinsam geeignete Lösungswege zu finden, um das Wohlbefinden pflegender Angehöriger zu stärken. Denn wer andere pflegt, der muss auch zu sich selbst gut sein.

 

F. J. Krause © SeMa

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