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Konferenz statt Kaffeekränzchen

Coronakrise: PC-Kenntnisse gegen die Einsamkeit

Dagmar Hirche, Vorsitzende des Vereins Wege aus der Einsamkeit in Hamburg

Der Partner ist gegangen, Familie und Freunde kommen selten zu Besuch – wenn sie denn überhaupt dürfen. Nichts hat die Einsamkeit von Senioren so verdeutlicht wie die seit gut einem Jahr anhaltende Coronakrise. Mögen die Fernsehbilder von Intensivstationen oder aus Seniorenheimen noch so furchtbar sein, man braucht sie nicht einmal, um das Problem der Vereinsamung zu erkennen. Das müsste – zumindest in diesem Maße – nicht sein, denn es gibt im Zeitalter des Internets zahlreiche Kommunikationsmöglichkeiten jenseits von Telefon oder Kaffeekränzchen. Ob Chat, Videokonferenz, WhatsApp, Google-Maps oder Google-Fotos: Der Mehrheit der Bevölkerung 70plus sagen die Begriffe immer noch nichts. Aber warum nur?

Das Telefon ist stumm, der Himmel grau, und das Fernsehen bringt eigentlich auch wenig – höchstens frustrierende Meldungen rund um die Coronakrise. Nein, die Hanseatin Helga M. (76) will die Statistiken, Beiträge von Intensivstationen oder recht schwammigen Voraussagen, wann denn alles besser werden könnte, nicht mehr sehen oder hören. Bloß keinen Besuch, bloß keinen Kontakt – und am Telefon will die einsame Dame auch niemanden mehr nerven. Was nun? Viele ihrer Altersgenossen sind da flexibler, sie haben schon in der Vor-Coronazeit den Umgang mit PC oder  Smartphone gelernt. Aber wenn das so einfach wäre.

Ob drinnen oder draußen: Einsamkeit ist das große Problem in Coronazeiten.

Einfach vielleicht nicht, aber möglich. Renate Brahmst (82, St. Georg) zum Beispiel beschreibt ihren Weg, der sie zurzeit so glücklich macht wie es in Epedemie-Zeiten eben, möglich ist. „Ich habe mich erst mit 81 Jahren entschieden ein Smartphone anzuschaffen, und das nach langem Bitten meiner Tochter. Ich habe viele nette Kontakte und alte Freunde wiedergefunden“, sagt die gelehrige Seniorin und schaut wieder fasziniert auf ihre neue digitale Errungenschaft. Doch wer hat so gute Lehrer?

Lehrer wohl schon, aber: Nicht willens scheinen eher die älteren Mitbürger selbst zu sein. Dabei kann Senioren-Vereinen, Senioren-Tagesstätten oder anderen Institutionen kein großer Vorwurf gemacht werden, Angebote an solchen Kursen waren zumindest vor Corona immer existent. Es muss etwas anderes sein, was die Mehrheit der älteren Senioren von dem Gang an PC oder Smartphone abhält. Die Generation „ich brauche so etwas nicht“ oder „so etwas Neues ist nichts für mich“ offenbart das Problem. „Es gibt zunächst einmal die große generelle Angst, Fehler zu machen. Auch die Aussage, man möchte im Alter nichts kaputtmachen, ist typisch“, sagt Dagmar Hirche, Vorsitzende des Hamburger Vereins Wege aus der Einsamkeit zu dieser Problematik (siehe auch nebenstehendes Interview). Ein Mann aus der etwas jüngeren Generation, mit der Materie aus Bits und Bites genügend vertraut, stellt klar: „Natürlich ist es nicht einfach, spät im Leben etwas Neues zu lernen. Aber gerade PC und Internet lohnen sich auf jeden Fall“, meint Erico Hauptmann (54) aus Wandsbek, der ebenfalls ehrenamtlich viel mit Senioren und sozialen Randgruppen zu tun hat.

Es gibt viele Senioren, die sich mit PC und Smartphone bereits angefreundet haben.

Den Sprung in die digitale Welt der Verständigung wollen in Wahrheit nämlich mehr Senioren gehen als es zugeben. Wie soll auch ein 85-Jähriger Senior äußern, was er nicht braucht, wenn er gar nicht weiß, was er damit machen kann? „Wir versuchen oft nicht einmal die Sprache der Älteren zu sprechen, sind zu schnell bei Browsern, Smart-Home oder E-Help“, sagt Dagmar Hirche. Es müsste erst – langsam – das Interesse geweckt werden. Der Start in die digitale Unterhaltung sei dann ein Selbstgänger. Wie groß die Begeisterung für diese Dinge dann auch sein kann, beweisen viele Aussagen von denen, die automatisch in die Abläufe reingewachsen sind – sei es beruflich, aus Interesse oder eben hat tatsächlich der Enkel ein bisschen Starthilfe gegeben. So wie zum Beispiel Klaus-Peter Glasse (70). Aus dem technikinteressierten Senior sprudeln die Begriffe wie aus einem Lexikon der digitalen Definitionen. You-Tube, Skype, WhatsApp oder Instagram, er nutze alles, und es sei auch alles recht einfach – wenn man sich damit einmal beschäftigt hat. Aber das müsse man eben auch, stellt der Online-Senior aus Hamburg-Schnelsen klar.

Wo er recht hat hat er recht. Allein das Bankwesen, die Kommunikation, Reise-Buchungen oder Einkäufe bzw. Bestellungen werden in naher Zukunft noch mehr onlinelastig werden. Ob Senior nun will oder nicht – er wird müssen. Also ran an den PC – dann kann das Telefon stumm bleiben, und der Fernseher hat auch seine Ruhe.    

Dagmar Hirche, Vorsitzende des Vereins Wege aus der Einsamkeit in Hamburg

„Es muss viel mehr gemacht werden“
Interview mit Dagmar Hirche, Vorsitzende des Vereins Wege aus der Einsamkeit

SeMa: Welche Maßnahmen sind wirksam über das hinaus, was Sie ohnehin schon permanent leisten?

Dagmar Hirche: Wir haben im März 2020 unsere ganzen Aktivitäten ins Digitale verlagert und unser Programm noch ausgeweitet, wir bieten fast täglich vormittags 1,5 Stunden gemeinsame Aktivitäten an. Lernen, was kann ich mit dem Smartphone/Tablet machen, aber wir erklären auch viele digitale Angebote.

SeMa: Inwiefern ist es in der Coronazeit förderlich, wenn Senioren PC-Kenntnisse haben und sich online verständigen können?

Dagmar Hirche: Wer digital aktiv ist, kann an vielen Angeboten teilnehmen – von Kultur über Sport, Lernen, Reisen, Spielen und vieles mehr. Wir merken, dass immer mehr Gäste zwischen 65 und 89 Jahren begeistert an unseren Runden teilnehmen.

SeMa: Natürlich ist das „Neue“ (eben PC) etwas Ungewöhnliches für Senioren. Wie könnte man Ihnen noch besser klarmachen, dass diese Errungenschaft im Jahre 2021 auch für ältere Menschen eigentlich zwingend notwendig geworden ist?

Dagmar Hirche: Es muss sehr niedrigschwellige Lernangebote in jeder Nachbarschaft geben. Aufklärung, dass ein Lernen zwingend notwendig ist. Die öffentlich rechtlichen Radio-/Fernsehsender müssen auch für digitale Einsteiger ein Bildungsprogramm anbieten.

SeMa: Meinen Sie, dass das Angebot von herkömmlichen Vereinen ausreichend ist oder mehr gemacht werden müsste, die Technik noch schmackhafter zu machen?

Dagmar Hirche: Es muss viel mehr gemacht werden, ich wünsche mir, dass die Vereine viel kreativer und mutiger werden, was die Schulung mit digitalen Angeboten betrifft.

SeMa: Stimmen Sie zu, dass viele (auch gemeinnützige) Vereine in dieser Hinsicht ein veraltetes Herangehen an dieses Problem haben und dass neue moderne Wege beschritten werden müssten?

Dagmar Hirche: Leider ja, viele traditionelle Vereine haben leider nichts oder kaum Neues gewagt, die neuen Vereine waren da schon viel mutiger – zum Beispiel hat Oll Inklusiv eine App entwickelt, auf der Menschen 60plus sich austauschen können.

SeMa: Gerade in Zeiten, in denen persönliche Treffen schwieriger und gefährlicher werden (eben Corona), offenbart sich doch, dass da in naher Vergangenheit viel versäumt worden ist. Oder nicht?

Dagmar Hirche: Ja und nein, wenn Vereine wie Seniorentreffs digital aktiv werden wollten, es aber an der digitalen Ausstattung fehlte und es keine finanziellen Mittel gab, ist es frustrierend für die Ehrenamtlichen.

SeMa: Was würden Sie einem Senior, der ohne PC-Erfahrung ist und Angst davor hat, raten, um auf den „digitalen Weg“ zu kommen?

Dagmar Hirche: Schauen Sie, was in Ihrer Nachbarschaft angeboten wird, suchen Sie bewusst  im Wochenblatt oder Senioren-Magazinen nach Angeboten, trauen Sie sich, es gibt viele, die wie Sie Einsteiger sind, in Gemeinschaft lernt es sich besser.

„Schön, diesen Schritt gemacht zu haben.“

Renate Brahmst (82, Hamburg-St.-Georg): „Der PC hat mir über viele Stunden Freude gebracht, da man zurzeit ja sehr eingeschränkt ist. Schön, dass ich mich zu dem Schritt entschlossen habe.“

Renate Agbaglo (74, Hamburg-Wandsbek): „Während der Coronakrise sind die Aktivitäten mit dem Smartphone intensiver geworden, am PC eher wie sonst auch. Telefonate haben auch zugenommen. Allgemein geht es ohne PC-Kenntnisse auch in unserem Alter nicht.“

Karin Bührer (70, Hamburg-Wellingsbüttel): „Ich habe für mich FaceTime entdeckt. So kann ich Kontakt zu meinen Kindern halten. Das kann ich mit einem guten Gewissen anderen Senioren empfehlen.“

 

Klaus Karkmann © SeMa

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