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Sommer einst in Hamburg

Mit Mohrchen und dem Eis der ewigen Freundschaft

1938: Ein Besuch im Freibad Hohe Liedt am Sonntag, den 17. Juli 1938, vom Storch Peter aus Schwens Garten. Er war besonders zahm und suchte immer solche Plätze wo viele Menschen waren. Oftmals tauchte er auch am Bahnhof Langenhorn Nord auf und empfing die Badegäste.

„Mach’ es wie die Sonnenuhr ...“ dieser Spruch aus dem Poesiealbum lenkt in vieler Hinsicht das Erinnerungsvermögen. Schön war sie, die Zeit der Kindheit, die in den ersten Jahren der Nachkriegszeit geboren wurden. Schön und unbeschwert. Und die Sommer erst – fast jeden Tag Sonnenschein! Herrliche Tage in den Freibädern der Stadt reihten sich aneinander. Voll und laut war es da. Und Corona war in der Zeit der frühen 50er Jahre nicht einmal als Name eines Bieres aus Mexiko bekannt.

Reisen war für die wenigsten Hamburger möglich – die große Freiheit vor der eigenen Tür waren die Freibäder. Im Norden der Stadt das Sommerbad Langenhorn Nord. Viele werden das so in Erinnerung haben. Gunther Beth hat es aufgeschrieben. Der 1945 in Lübeck geborene und in Ochsenzoll 1951 eingeschulte Autor und Schauspieler hat das aber nicht seinem Tagebuch anvertraut, sondern „einen der schönsten Liebesromane seit Romeo und Julia“ daraus gemacht. Er erzählt die Liebe zu Mohrchen, zum Eis der ewigen Freundschaft und zu Heike, dem kessen Mädchen von der Langenhorner Chaussee. „Sie trug ein kurzes kariertes Röckchen und dottergelbe Kniestrümpfe“, so schwärmt der Autor in seinem 1981 erstmalig erschienen Buch über seine schicksalsschwere Begegnung in der Klasse 1a der Volksschule an der Langenhorner Chaussee 515. Heike Sievers, das war nicht nur für den kleinen Gunther der Star unter den 35 Kindern seiner Klasse – sie war die Sonne, um die sein Denken in den ersten Schuljahren kreiste. Und Mohrchen? Das war keineswegs das schnurrende Kätzchen der angebeteten Klassenkameradin, sondern gehörte in jenen Tagen zum Sommer in Langenhorn einfach mit dazu – wenn man sie sich denn leisten konnte. Denn damals waren Leitungswasser, Buttermilch oder kalter Muckefuck durchaus probate Durstlöscher. Besonders beliebt auch selbst eingekochter, verdünnter Obstsaft aus dem eigenen Garten. Aber „Mohrchen“ mit Geschmack – das war sozusagen die Heike unter allen sommerlichen Getränken. Vertrieben wurde sie vom Bierverlag Bruhn an der Langenhorner Chaussee – dort wo später über Jahrzehnte ein Tapetengeschäft residierte. Eine Rampe am Haus erinnert noch heute an die Getränkevergangenheit. Rudolf Mohr, der später das Unternehmen übernahm, kreierte aus seinem Namen ‚den‘ Begriff im Norden Hamburgs für Brause – „Mohrchen“! Es gab sie in den Geschmacksrichtungen Zitrone, Orange, Waldmeister und Himbeere. Natürlich kräftig eingefärbt! Kaufen konnte man diesen Hochgenuss auch beim Kiosk des Sommerbades, Dort gab es natürlich diverse andere Köstlichkeiten wie Lakritzschnecken- oder pfeifen, Brausebonbons, Nappas und Salinos. Nur das von Heike bevorzugte Himbeereis – das mit der ewigen Freundschaft – das konnte man für fünf Pfennig die Kugel im Sommerbad Langenhorn Nord nicht erwerben. Dafür hielt Heike bei gutem Wetter mit ihren Freundinnen im Freibad Hof, immer beobachtet von Gunther, ihrem unermüdlichen Verehrer.

Sommer 1952 im Sommerbad Langenhorn. Das Gesicht zeigt – an der Seite der Mutter waren die Badefreuen im Sommerbad Langenhorn Nord eben doch nicht immer ein ungeteiltes Vergnügen.

Seit der glückseligen Zeit der ersten Liebe zweier junger Hamburger, die mit dem Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft 1953 ausklang, hat sich in Hamburg und in Langenhorn viel verändert.

Geblieben ist das Sommerbad – heute „Kiwi-Bad“ genannt. Noch immer trennt ein Holzsteg den „Schwimmer“ vom „Nichtschwimmer“ mit seinem Sandstrand. In der Frühe, noch vor Badebeginn, kann man kleine Fischschwärme durchs leicht bräunliche Naturwasser flitzen sehen, und der alte Baumbestand spendet immer noch Schatten. Auch den Kiosk gibt es noch; statt „Morchen“ sind nun „Pommes“ im Angebot. Nur der „Planscher“ ist Vergangenheit – so wie die Geschichte von Heike und Gunther. Aber eine liebenswerte Erinnerung an das Hamburg der jungen Bundesrepublik, das bieten Bad und Buch immer noch – ach Heike!

Gunther Beths Roman „Ach Heike“ ist auch unter dem Titel „Das Eis der ewigen Freundschaft“ erschienen. Das Buch ist im Internet antiquarisch verfügbar.     

 

Fotos: Langenhorn Archiv/Text: F. J. Krause © SeMa

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