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Stefan Gwildis

... im St. Pauli Theater „Pack das Leben bei den Haaren“

Der Autor Wolfgang Borchert feiert 2021 seinen 100. Geburtstag. Da kommt der Borchert-Abend „Pack das Leben bei den Haaren“ von Stefan Gwildis und die CD mit gleichem Titel als Würdigung gerade richtig. Dieser Abend im St. Pauli Theater ist ein wahres Geschenk, zeigt er doch Borchert in all seinen Facetten. Denn Wolfgang Borchert ist mehr als nur „Draußen vor der Tür“, dem bekanntesten Werk des Schriftstellers, der leider nur 26 Jahre alt wurde.
Mit Stefan Gwildis’ Stimme, die mal melancholisch, mal energisch und humorvoll das  abwechslungsreiche Werk Borcherts präsentiert, lernen die Zuschauerinnen und Zuschauer den Autor von vielen Seiten kennen.

Die vertonten Gedichte hätten Borchert sicher gefallen,  war er doch ein Liebhaber des Jazz. Stefan Gwildis, Tobias Neumann und Hagen Kuhr bringen die Musik in Borcherts Sprache zum Klingen.

Die dramaturgische Leitung von Dr. Sonja Valentin zeigt ein sicheres Gespür für einen Abend, der dem Publikum kurzweilig, anrührend und humorvoll in Erinnerung bleibt.

SeMa: Was verbindet Sie mit Borchert?

Stefan Gwildis: Was mich in erster Linie verbindet, ist diese freche, jugendliche, nachdenkliche, tiefsinnige Art der Betrachtung. Ein Mensch, der nur 26 Jahre alt wird, aber solche Situationen auffängt wie z. B. in „Nachts schlafen die Ratten doch“, finde ich großartig. Wolfgang Borchert ist für mich einer der allergrößten, sensibelsten und emotionalsten Schriftsteller, die ich kenne.
Auch wie er mit aller Frechheit, mit aller Wut, Liebe und Empathie vorgeht in seinen Gedichten und Theaterstücken, beeindruckt mich. Wenn man bedenkt, dass er „Draußen vor der Tür“ in nur acht Tagen geschrieben hat. Das ist doch großartig. Ich verneige mich tief vor diesem Künstler.

Die Beschäftigung mit Borchert hat auch das Interesse an meiner Familiengeschichte vertieft. Ich wollte wissen, was meiner Familie im Krieg widerfahren ist.

Aus dem Tod meines Großvaters, der von den Nazis erschossen wurde, resultierte, dass mein Vater und mein Onkel als Halbwaisen aufwachsen mussten. Und meine Großmutter musste die Kinder dann nach dem Krieg allein durchbringen.
Meine Großmutter mütterlicherseits hat zwölf Jahre auf ihren Mann gewartet, der in seinen besten Lebensjahren im Krieg und in Kriegsgefangenschaft war. Und meine Mutter war so lange auch ohne ihren Vater, den sie sehr geliebt hat. Nach dem Krieg hat er noch 15 Jahre gelebt und ist am gleichen Lungenleiden wie Borchert gestorben.

Diese Beschäftigung mit meiner Herkunft war für mich sehr wichtig.

Was mich aber auch mit Borchert verbindet, ist die große Liebe zum Jazz und seine Abscheu vor jeglichen Märschen. Ich komme wirklich mit vielen Musikstilen klar, aber nicht mit Militärmusik. Ich hatte mich für den Borchert-Abend mit „Beckmanns Traum“ beschäftigt, und da zitiert er ja einige Märsche wie den „Badenweiler“ und die „Alten Kameraden“. Ich hatte im Internet recherchiert und bin auf eine Version von Heino gestoßen, der mir diesen martialischen Text vorgesungen hat. Ich fand das grauslich.

Da verbindet mich mit Borchert eher die Liebe zum Schrägen und zum Echten. In seiner Kunst und in seinem Weltbild gibt es nicht Schwarz-Weiß, sondern da gibt es viele Grautöne.

SeMa: Schade, dass Borchert nur 26 Jahre alt geworden ist. Da war noch so viel Potenzial.

Stefan Gwildis: Auf jeden Fall. Aber wenn man bedenkt, was er schon als 26-Jähriger hinterlassen hat. Das ist ja schon der Wahnsinn. Für mich ist er wirklich einer der ganz Großen, auch als Hamburger. Es ist aber nie verklärte Heimatliebe, sondern er schaut genau hin. Borchert ist für mich immer jemand, der voller Trost ist, voller Gedanken, die einen weiterbringen.

SeMa: Die Texte und damit auch der Abend bringen viel Abwechslung.

Stefan Gwildis: Borchert war für mich nie nur Trümmerliteratur, sondern er liefert viele Zeugnisse eines verliebten jungen Menschen, der auch mal dummes Zeug redet.

SeMa: Wie ist die Textauswahl zustande gekommen?

Stefan Gwildis: Sonja Valentin hat mich überschüttet mit Texten, auch mit der Gesamtausgabe, und dann haben wir das durchgeschaut. Ich fand die Gedichte im ersten Schritt so toll, dass ich diese vertont habe. Und dann haben wir einen Abend entwickelt, der zwei Teile hatte. Aber coronabedingt durften wir keine Pause machen, sodass wir in einem Rutsch das Programm entwickeln mussten, was ich im Nachhinein viel besser finde.

SeMa: Schön, dass der Abend mit der Geschichte „Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels“ endet.

Stefan Gwildis: Borchert wird oft nur mit seinen moralischen Texten wahrgenommen, dabei hat er viele andere Seiten, u. a. eine humorvolle.

SeMa: Was reizt Sie am Rezitieren der Texte?

Stefan Gwildis: Ich liebe diese Sprache. Es macht einen großen Spaß, diese Formulierungen zu lesen. Je öfter ich das mache, merke ich, wie es sich weiterentwickelt, wie tiefsinnig das ist.

SeMa: Gibt es einen Lieblingstext von Borchert?

Stefan Gwildis: Es gibt Texte, die mich sehr berühren, wie „Nachts schlafen die Ratten doch“ und „Beckmanns Traum“. Die muss ich vorher auch ein paar Mal lesen, sonst könnte ich nicht weitersprechen, weil die Bilder so stark und berührend sind.
Von den Gedichten gefällt mir „Ich bin der Nebel“. Das ist weltklasse. Das habe ich deshalb auch vertont.

SeMa: Der Abend ist sehr rund und die Mischung sehr gelungen.

Stefan Gwildis: Das freut mich sehr. Wir sind schon mit großen Respekt an die Texte herangegangen. Umso mehr freue ich mich, wenn das Ganze in der Bandbreite mit allem Ernst und der Komik ankommt.

SeMa: Danke für das Gespräch.

Am 9. Januar 2022 können Sie das Programm live im St. Pauli Theater erleben. Und wenn Sie noch ein Weihnachtsgeschenk suchen, eignet sich die CD hervorragend. Sie ist im Onlineshop von Stefan Gwildis unter www.stefangwildis.org oder in der Geschäftsstelle des „Hamburger Abendblatts“, den Heymann-Buchhandlungen und der Buchhandlung Marissal am Rathausmarkt erhältlich.

 

Stephanie Rosbiegal © SeMa

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