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Stille Nacht ...

... von unserer Leserin Helga Licher

Missmutig saß der alte Bauer Hinnerk auf der Bank am Ofen und schaute durchs Fenster. Es regnete in Strömen, und seine Stimmung war alles andere als weihnachtlich. Mit einem Ruck zog er die Vorhänge zu und stand auf, um die Tageszeitung zu holen.

Aus dem Radio ertönte ein Weihnachtslied. Die Bäuerin zündete die vierte Kerze am Adventskranz an und summte leise die Melodie mit. Dann holte sie eine große Schüssel und bereitete den Teig für den Weihnachtsstuten zu. Der Teller auf der Anrichte war gefüllt mit gebackenen Honigplätzchen, die einen aromatischen Duft verbreiteten. Im hinteren Teil der Stube wartete der Tannenbaum darauf geschmückt zu werden. Längst war es dämmerig geworden, und das trübe Licht der alten Straßenlaternen schien durch die geschlossenen Vorhänge.

„Du solltest dich umziehen, die Christmesse fängt gleich an.“ Die Bäuerin band ihre Schürze ab und schob den Stuten in den Backofen. Murrend legte Hinnerk die Zeitung zur Seite und erhob sich stöhnend.

Seine Frau schüttelte den Kopf. Sie verstand ihren Mann nicht mehr. Er hatte sich in den letzten Jahren zu einem alten Brummbär entwickelt, der oft missgelaunt war. Sie hatte es wirklich nicht leicht mit ihm, nichts konnte sie im recht machen.

Dabei war ihr Mann früher ein fröhlicher Mensch gewesen. Schon oft hatte sie überlegt, welches Ereignis ihn so verändert haben könnte. Er hatte sich vor einigen Jahren heftig mit seinem älteren Bruder gestritten, aber Hinnerk war nun mal ein Hitzkopf, das wusste auch sein Bruder. Solche Streitereien kamen unter Geschwistern ab und zu vor.

Der Bauer kam aus der Schlafkammer, setzte sich auf die Ofenbank und zog seine Stiefel an. Schal und die Handschuhe lagen bereit. Die Bäuerin nahm ihre Lederhandtasche von der Garderobe und öffnete die schwere Dielentür.

Stumm gingen sie nebeneinander her. Der Regen ließ langsam nach, und es bildeten sich auf dem Kopfsteinpflaster große Pfützen. Noch immer war der Himmel nebelverhangen, und kein einziger Stern war zu sehen. Nur langsam schob sich der Mond hinter einer Wolke hervor und erhellte mit seinem milden Schein die dunkle Christnacht.

Es war schon spät, und die meisten Kirchenbesucher hatten bereits in der kleinen Kapelle Platz genommen. Hinnerk und seine Frau fanden gerade noch zwei leere Sitzplätze in der hintersten Reihe der festlich geschmückten Kirche.  Zwei große Tannen, mit roten und goldenen Kugeln verziert, standen neben dem Altar. Flackernde Kerzen tauchten den Raum in ein unwirkliches Licht. Der Schulchor sang „Oh du fröhliche ...“ und der Pastor predigte von Nächstenliebe und Rücksichtnahme.

Die Bäuerin faltete ihre Hände zum Gebet, während Hinnerk seinen Kopf senkte und sich einige Male unruhig über die Augen strich.

Der Wind war eisig, als Hinnerk und seine Frau einige Zeit später das Gotteshaus verließen.
Die Bäuerin zog ihre Handschuhe an und ging einige Schritte die Straße hinunter. Doch nach kurzer Zeit blieb sie stehen und sah sich um. Noch immer stand der Bauer an der Kirchentür und blickte angestrengt zum Wald hinüber. „Komm Hinnerk“, sagte die Bäuerin ungeduldig,  „wir müssen den Stuten aus dem Ofen nehmen, er brennt sonst an.“

Was hatte der Bauer nur? Stumm stand er da und starrte zum Wald hinüber. Endlich wandte er sich langsam um und sah seine Frau nachdenklich an.

„Geh schon vor“, sagte er leise „ich komme gleich nach. Ich habe noch etwas zu erledigen.“ Die Bäuerin schüttelte verständnislos den Kopf und machte sich zögernd auf den Heimweg.

Der Bauer steckte seine Hände tief in die Taschen seines Mantels und ging schnellen Schrittes auf den Wald zu. Der Wind trug den Klang der Glocke aus dem nahen Dorf zu ihm hinüber. Von einer inneren Unruhe getrieben, ging er immer tiefer in den Wald hinein.

Er wusste nicht mehr, wie lange er bereits unterwegs war, als er plötzlich vor einer schmalen Brücke stand.

Sein Blick fiel auf das morsche Geländer. Unsicher betrat er die knarrenden Holzbohlen, die unter seinem Gewicht leicht schwankten. Er war diesen Weg schon sehr oft gegangen, aber an eine Brücke konnte er sich nicht erinnern. Beunruhigt sah er sich um. Kein Mensch war weit und breit zu sehen, auch die hell erleuchtete Kapelle mit ihren kupfernen Türmen war verschwunden. Das Geläut der Glocke war längst verstummt. Langsam ging er weiter.

Plötzlich sah er vor sich eine alte, baufällige Bauernkate. Durch eines der Fenster fiel ein Lichtschein, und Hinnerk sah vorsichtig durch das trübe Fensterglas.

Er erblickte eine ärmlich eingerichtete Stube, die nur vom schwachen Feuer des Kamins erhellt wurde. Am Tisch saß ein alter Mann, der den Kopf in seine Hände gestützt hatte. Etwas an der Haltung des alten Mannes kam Hinnerk bekannt vor.

Hinnerks Herz klopfte heftig, und auf seiner Stirn sammelten sich Schweißtropfen. Er wusste ganz genau, dass in dieser Gegend noch nie eine Bauernkate gestanden hatte, genauso wenig wie es die morsche Brücke gab. Was hatte das alles nur zu bedeuten?

Erschöpft lehnte er seine Stirn an die kühle Fensterscheibe und starrte ins Innere des Hauses.
Der alte Mann hatte sich inzwischen von seinem Stuhl erhoben und ging gebückt zur Feuerstelle. Sein Rücken schien zu schmerzen, denn immer wieder blieb er stehen und verschnaufte. Dann legte er etwas Holz in den Kamin, drehte sich langsam um und kam auf das Fenster zu.

Hinnerk stöhnte laut auf und legte seine zitternde Hand auf  sein Herz. Schwer atmend lehnte er sich gegen die Hauswand. Jetzt wusste er, warum ihm der Alte bekannt vorkam. Der alte Mann war sein Bruder!

Aber warum lebte er in dieser baufälligen Hütte? Offensichtlich war er schwer krank und schon sehr alt ...

Hinnerk konnte das alles nicht verstehen. Das Haus und die Brücke gab es nicht wirklich, was hatte das alles zu bedeuten? Warum war er hier?

Plötzlich fiel sein Blick auf einen vergilbten Kalender an der Wand der Stube. Auf dem Kalenderblatt stand ein Datum: – 24. Dezember 2022 – und plötzlich wusste der Bauer, warum er hier war. Das was er hier scheinbar sah – war die Zukunft ...

Und die Zukunft seines Bruders sah nicht gut aus.

Hinnerk dachte an den hässlichen Streit vor vielen Jahren, es war höchste Zeit, sich endlich mit seinem Bruder zu versöhnen. Viel zu lange hatte er diese Last mit sich herumgetragen.

Heute war Weihnachten, das Fest der Liebe. Die Bäuerin hat sicher nichts gegen einen Gast einzuwenden, dachte Hinnerk und setzte seinen Hut auf. Als er sich umdrehte, um noch einmal durch das Fenster zu schauen, war die alte Bauernkate verschwunden.

Hinnerk stand wieder am Rande des Waldes vor der kleinen Kapelle. Der Pastor schloss gerade die Eingangstür, und die letzten Kirchgänger machten sich auf den Heimweg. Im Schein der Straßenlaterne glitzerte das nasse Kopfsteinpflaster wie flüssiges Silber. Die Pfützen am Rande des Weges waren mit einer dicken Eisschicht überzogen.

„Hinnerk, so komm doch endlich. Der Stuten brennt an.“

Die Bäuerin kam ungeduldig auf ihn zu und zupfte an seinem Ärmel. Zitternd vor Kälte legte der Bauer seinen Arm um die Schultern seiner Frau und sagte leise: „Wir müssen noch einen kleinen Umweg machen. Ich kenne da jemanden, der sich bestimmt über einen Besuch freut.“ Die Bäuerin drückte Hinnerk fest die Hand, und eine Träne der Freude lief über ihre runzeligen Wangen.

Später, als drei glücklichen Menschen vor dem Kaminfeuer saßen und von früheren Zeiten sprachen, begann es sachte zu schneien. Dicke weiße Schneeflocken taumelten vom Himmel und überzogen die Landschaft mit einer Decke aus Zuckerwatte. Alles sah so friedlich aus ...

In der Küche duftete es nach frischem Stuten und Glühwein, die Bäuerin zündete die Kerzen am Weihnachtsbaum an, und im Radio sang ein Kinderchor:

„Stille Nacht, heilige Nacht ...

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