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Selbstverteidigung für Senioren

Widerstand leisten ist oberstes Gebot! Treten und Schlagen

Immer mehr ältere Menschen besuchen einen Selbstverteidigungskurs, um nicht hilflos Opfer einer Gewalttat zu werden. Und das ist vor allem deshalb richtig gut, da sich „die Menschen vorab mit einer Situation auseinander- setzen und deshalb im Notfall besser gewappnet sind“, erklärt Fatma Keckstein, Landes-Frauenreferentin des Hamburgischen Ju-Jutsu-Verbandes und Direktorin Frauensport des Deutschen Ju-Jutsu-Verbandes. Regelmäßig schult sie beim Niendorfer Turn- und Sportverein (NTSV) Kinder- und Jugendliche, gibt Kurse für Frauenselbstsicherheit und eben auch Selbstverteidigung für Senioren.

Dorthin, wo es schön wehtut

Zu einer ihrer Veranstaltungen – sie nennt es „Mitmach-Vortrag“ – beim Arbeiter Samariter Bund (ASB) in Barmbek sind neun Personen gekommen, acht Frauen und ein Mann. Nach ein paar einführenden Worten steht die erste „praktische Übung“ auf dem Programm: Keckstein hat eine düster dreinschauende Pappfigur mitgebracht, die Anwesenden markieren mit Klebern die

Zonen, an denen Schläge und Tritte besonders wehtun. Entschlossen wird geklebt – und gelacht: „Dort tut es immer schön weh“, amüsiert sich eine der Teilnehmerinnen.

„Es gibt zahlreiche mögliche Stellen von den Füßen bis zum Kopf“, sagt die Trainerin und weist auf einen besonders wichtigen Aspekt hin: „Täter haben einen Plan und suchen ein Opfer. Was sie auf keinen Fall wollen, ist Widerstand! Wenn wir anfangen, ihnen wehzutun, dann ist der Angreifer leicht von seinem Plan abzubringen“, so Keckstein.
„Austreten wie ein Maulesel“
(Fatma Keckstein)

Die Kursteilnehmer nicken und hören sehr interessiert zu. Zur Veranschaulichung hat Trainerin Keckstein ein Beispiel: Wenn jemand einen von hinten festhält, kann immer noch getreten werden. „Treten sie nach hinten aus wie ein alter Maulesel, auf die Füße, gegen das Schienbein, gegen die Knie ... Sie erwischen bestimmt eine Stelle, wo es wehtut und der Täter zumindest kurz ablässt.“

Gegenstände spielen bei der Selbstverteidigung auch eine wichtige Rolle. „Manchmal reicht tatsächlich die Handtasche aus, um ersten Widerstand zu leisten“, so Keckstein. „Eine kleine Oma, die wild mit ihrer Handtasche auf jemanden einschlägt, erregt erst mal Aufmerksamkeit – und das können die Täter nicht gebrauchen.“ Ein Hausschlüssel in der Hand eigne sich ebenfalls im Notfall sehr gut, um Schmerz oder Wunden zuzufügen, erläutert sie.

Schreien und Leute ansprechen

Ebenfalls ein guter Rat sei es, Leute in der Umgebung aufmerksam zu machen. Da viele Menschen geneigt seien wegzuschauen oder eine merkwürdige Situation damit abtäten, dass die beiden vielleicht nur Quatsch machen, sei es hilfreich, Personen direkt anzusprechen: „Ich kenne diesen Mann gar nicht. Sie im blauen Pullover, helfen Sie mir, oder rufen Sie die Polizei.“ Damit könne man die Umgebung gut mit einbeziehen, so die Trainerin.  

Nach knapp zwei spannenden und vor allem lehrreichen Stunden ist der Mitmach-Vortrag „Selbstverteidigung für Senioren“ in Barmbek vorbei. „Das war kein bisschen langweilig. Die gelernten Handlungen liegen durchweg im Bereich des Möglichen“, zieht eine Teilnehmerin für sich das Resümee.

„Es lohnt sich, sich zu wehren“
(Gisela Stobbe)

„Ich habe gelernt, dass es sich immer lohnt, sich zu wehren“, sagt Gisela Stobbe aus Barmbek. „Einiges ist mir auch wieder eingefallen, weil ich schon vor etwa 50 Jahren mal einen Kurs gemacht habe“, berichtet sie mit einem verschmitzten Lächeln. „In Zukunft werde ich mir wieder mehr meine Umgebung angucken, an meine Haltung denken und überlegen, was ich gerade in der Hand halte ... oder halten könnte“, so die 82-Jährige. Extra aus Langenhorn angereist ist ihre Freundin Petra Weigelt: „Ich bin hierhergekommen, weil es in der Parkanlage, neben der ich wohne, schon Überfälle gab. Jetzt – nach dem Kurs – fühle ich mich sicherer, weil ich im Notfall besser vorbereitet bin.“

Fazit: Wenn Senioren wissen, wie sie sich im Notfall selbst verteidigen können, hat das einen großen Vorteil: Kaum ein Angreifer wird damit rechnen, dass ein(e) RentnerIn Widerstand leistet. Dies können die vermeintlichen „Opfer“ gezielt nutzen, um den Gegner zu überraschen, sich dann so schnell wie möglich aus dem Staub zu machen und aus sicherer Entfernung die Polizei zu alarmieren.

Corinna Chateaubourg © SeMa