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Wie wir die Bienen noch retten können

Interview mit Eckart Brandt: Obstbauer, Buchautor und Imker

„Rettet die Bienen!“ Mit diesem Volks- begehren haben Bürger in Bayern in eindrucksvoller Zahl für eine radikale Wende in der Agrarpolitik der EU gestimmt: weg von den industriellen Monokulturen, zurück zu einer ökologischeren Landwirtschaft. Denn das Insekten- und Vogelsterben und der Verlust der Artenvielfalt haben alarmierende Ausmaße erreicht. Grund genug, Stephan Clauss, einen prominenten Experten, zu befragen: den 69-jährigen „Apfel-Papst“ Eckart Brandt, Obstbauer, Buchautor und selbst Imker im Alten Land.
 

SeMa: Was sagen Sie zu dem Rekordergebnis des Volksbegehrens in Bayern?

Das war wirklich eine Aktion, die Schule machen sollte, wo immer das rechtlich möglich ist. Es wurde seit Jahren immer nur palavert, nun läuft uns die Zeit von der Uhr. Die Agrarlobby will uns immer noch erzählen, es wäre längst nicht alles erforscht. Dabei wissen wir alles, was wir über die Ursachen des Artensterbens wissen müssen.

SeMa: Bleibt der Druck von unten also notwendig, weil man die Agrarpolitik nicht mehr allein den Politikern in Berlin und Brüssel überlassen darf?

Auf jeden Fall. Und ich fand eben besonders gut, dass es in Bayern so ein breites Aktionsbündnis gegeben hat. Es wurde ja bewusst eine Frontstellung gegen die Bauern vermieden, auch wenn Ministerpräsident Söder das nun anders darstellt. Es wurde gesagt, ihr sollt hier nicht an den Pranger gestellt werden, wir wollen euch nur helfen, eine andere, gesündere Landwirtschaft zu betreiben. Ihr sollt weiter eure EU-Fördermittel kriegen, aber die dann dazu verwenden, dass der Natur geholfen wird – und nicht, um die Natur kaputt zu machen.

SeMa: Sie haben seit 1983 für den Erhalt der alten Apfelsorten gekämpft und stets versucht, die Obstbauern im Alten Land von dem maximalen Einsatz sogenannter Pflanzenschutzmittel abzubringen. Sie sind aber auch Sohn eines Bienenzüchters und selbst leidenschaftlicher Imker, also direkt betroffen.

Ja, die Bienen sind einfach tolle Tierchen. Keine bedrohte Art genießt so hohe Sympathiewerte. Und die Biene als Symbol für den Kampf gegen das Insektensterben zu nehmen war eine geniale Idee! Denn wer könnte schon was dagegen haben, diese nützlichen Tiere zu retten? Man weiß ja, dass ein Großteil unserer Lebensmittel gar nicht erzeugt werden könnte, wenn es keine Bestäubung durch Bienen und Hummeln gäbe.

SeMa: Verstehen die Menschen, dass das Verschwinden der Bienen direkt auch unsere Ernährung bedroht?

Ja schon, aber es sind die Wildbienen, die derzeit viel mehr bedroht sind als die Honigbienen, um die sich ja liebevoll die zuständigen alten und jungen Imker kümmern, sogar in Metropolen wie Hamburg und Berlin. Den Wildbienen geht es aber sehr viel dreckiger, ganz zu schweigen von den anderen wilden Insekten in Wald und Flur. Wenn es keine Insekten gibt, finden die Vögel nichts mehr zu fressen, Punkt. So reißt das Artensterben immer größere Löcher in die ökologischen Netze, die bald nicht mehr zu flicken sind. Und es sterben weltweit Tausende Arten aus, die alle ihre Rolle im großen Zusammenspiel der Natur spielen. Und wie Papst Franziskus einmal gesagt hat: „Wenn wir die Natur zerstören, wird die Natur uns zerstören.“

SeMa: Und wie sieht es heute im Alten Land aus?

In den 80er-Jahren haben die meisten Landwirte uns Ökobauern noch bekämpft und versucht, uns das Wasser abzugraben. Aber inzwischen hat ein Umdenken stattgefunden. Mittlerweile werden schon mehr als zehn Prozent der Flächen ökologisch bewirtschaftet. Und es werden Blühstreifen für Insekten angelegt und „Bienenbäume“ wie die Linde gepflanzt. Es geht zwar in die richtige Richtung, aber man kann noch sehr viel mehr tun.

SeMa: Was tut die chemische Keule den Insekten an?

Es spielen viele negative Faktoren zusammen, wodurch die Vitalität der Bienen nachweislich geschwächt wird. Weil die fleißigen Tiere an allen Ecken und Enden irgendwelche Pestizide aufnehmen, nicht nur mit den Blütenpollen. Die einzelnen Stoffe, die gespritzt werden, mögen zwar im vorgeschriebenen grünen Bereich liegen. Aber man muss ja beachten, dass es sich um einen ganzen Cocktail von Substanzen handelt. Stoffe wie Glyphosat werden aber immer nur einzeln getestet und nicht so, wie sie dann tatsächlich als Round-up auf die Felder und Bäume gespritzt werden. Das ist hirnrissig, denn die Bienen nehmen ja am Ende den ganzen Giftcocktail auf, und man weiß gar nicht, wie sich das alles gegenseitig potenziert, wie sensibel Bienen auf diese Nervengifte selbst in kleinsten Dosen reagieren. Bis sie orientierungslos umherirren und nicht mehr nach Hause finden und verhungern. Was wir Menschen vielleicht wegstecken können, kann für so ein sensibles Insekt schon in homöopathischer Dosis tödlich sein.

SeMa: Was kann jeder Einzelne zum Artenschutz beitragen?

Es gibt viel zu tun. Es ist sinnvoll und lobenswert, sich bewusst um die Bienen zu kümmern. Dabei ist aber das Überleben der Wildbienen derzeit noch viel dringlicher als der Schutz der Honigbienen! Ich habe in meinem „Bienenbuch“ dazu eine Menge Vorschläge gemacht. Wenn etwa alle Gartenbesitzer konsequent auf den Einsatz von chemischen Giften verzichten und ihre Gärten zu ökologisch wertvollen Erholungsnischen für bedrohte Mitlebewesen aus der Welt der Insekten, Schmetterlinge und Vögel gestalten würden, könnte dies in der Summe auch schon eine nicht unerhebliche Veränderung bringen. Gewerbe- und Industriebetriebe, aber auch Kirchen besitzen oft noch große Flächen, die mit wenig Aufwand in „blühende Landschaften“ für Insekten und Lebensräume für Wildbienen, Vögel und andere Tiere verwandelt werden könnten. Mit einem guten Beispiel geht hier das Hamburger Wasserwerk Curslack voran, das Teile seiner Schutzzonen mit Streuobstwiesen bepflanzen lässt.

Gemeinden und Städte könnten weitaus mehr für die Erhaltung der Artenvielfalt und speziell für das Überleben von Bienen und anderen Insekten tun, wenn sie zur Bepflanzung von Straßenrändern und Randflächen  mehr Bäume und Sträucher einsetzen würden, die Insekten Nahrung bieten – wie Linden, Akazien, Schlehen, Kornelkirschen, Berberitzen, Wildrosen, Mahonien, Aronien. Für die Bienen muss ja von März bis Ende September immer irgendetwas blühen, damit sie ihren Nektar finden. In unserem vier Hektar großen „Boomgarden“-Projekt in Helmste haben wir seit 2012 auch dreireihige Windschutzhecken angelegt, mit 15 verschiedenen Pflanzen, die besonders nützlich für Insekten und Vögel sind. So entsteht ein Biotop, ein kleines Naturparadies für die bedrohten Arten, ein Refugium zum Überleben. Viele solcher kleinen Inseln sollen entstehen, die miteinander vernetzt werden können als Widerstand gegen die Agrarsteppe. Die Natur muss wieder Platz kriegen, dafür werde ich mich immer einsetzen.

SeMa: Und was halten Sie als Imker von dem modernen Trend zur Stadtimkerei?

Das ist gut und schön, aber eigentlich mehr ein unterhaltsamer Nebenschauplatz, der das europaweite Problem des Artensterbens nicht löst. Immerhin wurden in Berlin schon vor Jahren viele Linden und Akazien gepflanzt, in denen die Bienen jetzt eine üppige Tracht finden.

SeMa: Warum erkennen wir erst jetzt die ganze Tragweite des Artensterbens?

Wir blenden das eben gern aus. Für mich ist es schon die Frage, ob es noch fünf vor zwölf oder nicht eher schon fünf nach zwölf ist. Wenn wir nicht schleunigst aktiv werden, können wir vielleicht noch nicht einmal das Schlimmste verhindern.

SeMa: Sie kämpfen schon Ihr ganzes Leben lang für den Naturschutz. Wie schaffen Sie das eigentlich, angesichts immer neuer Horrornachrichten nicht zum Pessimisten zu werden?

Gegenfrage: Müssen wir nicht wenigstens versuchen, zu retten, was zu retten ist? Das sind wir unseren Kindern und Enkeln doch schuldig, oder?

Text und Fotos: Stephan Clauss © SeMa