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Wilhelm Conrad Röntgen

Seine Erfindung veränderte die Medizin! Vor 175 Jahren wurde Wilhelm Conrad Röntgen geboren ...

Am 8. November 1895 entdeckte der studierte Maschinenbauer und Physiker Wilhelm Conrad Röntgen die von ihm so genannten X-Strahlen. Vor 175 Jahren am 27. März 1845 in Lennep geboren, bekam Röntgen bereits sechs Jahre nach seiner Erfindung den erstmalig verliehenen Nobelpreis für Physik. Die Röntgentechnik eröffnete für Mediziner die Möglichkeit, in den Menschen hineinzusehen, ohne ihm mit dem Skalpell zu Leibe zu rücken. Es entwickelte sich mit dem technischen Fortschritt, an dem der Hamburger Glasbläser Carl Heinrich Florenz Müller maßgeblich beteiligt war, ein regelrechter X-Strahlen-Boom. Müller – Röntgenmüller genannt – errichtete in der Nähe des Steindamms eine Fabrikation für Röntgenröhren, deren hohe Standzeiten einen breitflächigen Einsatz der jungen Technik möglich machten. Später von Philips übernommen, befindet sich heute in Fuhlsbüttel die weltweit modernste Produktionsstätte für Röntgenröhren.

Kirmes, Praxis, Sicherheitssysteme, OP-Saal

Die Möglichkeiten der Röntgentechnik waren zu verlockend, um nur in der Hand der Mediziner zu verbleiben. Ganz besonders auch deshalb, weil Röntgen seine Erfindung nicht zum Patent angemeldet hatte, sondern sie „zum Wohl der Menschheit“ jedem frei zur Verfügung stellte. Ob die „Durchleuchtung“ auf der Kirmes dem Wohl der Menschheit diente, sei dahingestellt. Aus heutiger Sicht gibt es keinen Nobelpreisträger, dessen Entdeckung so weitreichende wirtschaftliche und wissenschaftliche Folgen gehabt hat wie die Röntgentechnik. Sie spielt heute in verschiedensten Anwendungsbereichen eine wichtige Rolle – von der Medizin über Sicherheitssysteme an Flughäfen bis hin zur astronomischen Forschung mit Röntgensatelliten. Der amerikanische Unternehmer Thomas Alva Edison – Erfinder der Glühbirne und Inhaber von 1093 Patenten – spottete über den deutschen Idealisten, der selbst das Nobel-Preisgeld der Universität Würzburg ohne Auflagen überließ.

Segen mit Gefahr

Die Begeisterung für die neue Technik war groß; Nebenwirkungen kannte man – noch – nicht. Das sollte sich schnell ändern. Bereits 1898 wurden erstmalig zwei Ärzte wegen fahrlässiger Körperverletzung verklagt. Der Hamburger Heinrich Albers-Schönberg war es, der ab September 1897 die Zeitschrift „Fortschritte auf dem Gebiet der Röntgenstrahlen“ herausgab und wenig später warnend auf die Risiken der neuen Technologie hinwies. Er war Mitbegründer und zweiter Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft. Der erfahrene Mediziner starb, wie viele Ärzte, Physiker, Techniker, Krankenschwestern und Laboranten, an den Folgen des Umgangs mit den X-, den Röntgenstrahlen. Seinem Sohn sagte er: „Ich habe nicht wissentlich meine Gesundheit geopfert, sondern das Unglück gehabt, sie unwissentlich zu schädigen.“ Dieses Schicksal teilte er mit vielen Pionieren der Röntgentechnik, deren Namen auf den Steinen des Röntgenopfer-Denkmals auf dem Gelände der Asklepios-Klinik St. Georg zu finden sind. Die Errichtung erfolgte auf die Initiative der Radiologen Hans Meyer, der es auch bezahlte, und Johannes Holthusen. Holthusen ist der einzige Radiologe, von dem dokumentiert ist, dass er Wilhelm Conrad Röntgen geröntgt hat. In Hamburg sah er erstmals ein „Röntgen-Cabinet“ von innen.

Spaß im Schuhgeschäft

Für die wenigsten Kinder ist das Anprobieren neuer Schuhe ein Vergnügen. Das war vor 1973, als in Deutschland eine neue Röntgenverordnung in Kraft trat, anders. Denn ein Höhepunkt des Schuhkaufs war ein Blick in das „Schucoskop“. Um zu sehen, wie der Fuß in den ausgewählten Schuh passte, musste sich der Kunde auf ein Podest stellen – für Kinder gab es einen speziellen hohen Sockelaufsatz – und seine Füße in das Gerät stecken. Zwei Griffe ermöglichten dabei einen festen Halt. Im Unterbau befanden sich die Röntgenröhren, die nach oben hin und damit durch den Fuß hindurchstrahlten. Durch Seitenschlitze im „Schucoskop“, die oben und seitlich angebracht waren, konnte der Sitz des Schuhpaares begutachtet werden. Anfang der 1960er Jahre wurde die Produktion eingestellt. Heute werden sogenannte Podoskope zur Fußdiagnostik eingesetzt.     

F. J. Krause © SeMa